Vision T: Gute Beteiligung, aber zu wenig Mut zur Wahrheit
Ein Strategiepapier hat nicht nur den Zweck, am Ende ein fertiges Dokument vorzulegen. Sein eigentlicher Wert liegt oft im Prozess davor: möglichst viele Akteure einzubinden, unterschiedliche Meinungen einzuholen, Sichtweisen sichtbar zu machen und dadurch ein gemeinsames Commitment für die weitere Entwicklung zu schaffen. Genau das hat der Prozess rund um die neue Tourismusstrategie „Vision T“ grundsätzlich geleistet. Die Branche wurde gehört, Positionen wurden gesammelt, Erwartungen formuliert und ein breiter Dialog organisiert.
Damit ist ein wichtiger erster Schritt gelungen. Doch der zweite Schritt ist der entscheidende: Die Ergebnisse eines solchen Prozesses müssen anschließend mit der politischen Realität, den budgetären Möglichkeiten und den tatsächlichen wirtschaftlichen Herausforderungen der Betriebe in Einklang gebracht werden. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer.
Denn die Verschriftlichung der Strategie bleibt in weiten Teilen bei Altbewährtem stehen. Viele Forderungen, Maßnahmen und Zielsetzungen sind nicht neu, sondern seit Jahren bekannt. Manche davon wurden bereits diskutiert, andere teilweise schon im Rahmen des Doppelbudgets auf Schiene gebracht. Eine echte strategische Zuspitzung auf die zentralen Wettbewerbsfragen des österreichischen Tourismus ist nur begrenzt erkennbar.
Rekordnächtigungen sind noch keine Rekordergebnisse
Österreichs Tourismus kann zweifellos beeindruckende Mengenkennzahlen vorweisen. Rund 48 Millionen Gästeankünfte und etwa 157 Millionen Nächtigungen im Jahr 2025 markieren ein All-Time-High und zeigen die enorme Attraktivität des Tourismusstandortes Österreich. Diese Zahlen sind erfreulich und sie belegen, welches Potenzial in der Branche steckt.
Aber sie erzählen nur einen Teil der Wahrheit.
Weniger stark thematisiert wird, dass die operativen Ergebnisse vieler Betriebe keineswegs berauschend sind. Hohe Auslastung und steigende Nächtigungszahlen bedeuten nicht automatisch steigende Renditen. Im Gegenteil: Viele Betriebe kämpfen mit massivem Kostendruck, sinkenden Margen, steigenden Finanzierungskosten, hohen Energie- und Warenkosten sowie einer Personalkostenstruktur, die international zunehmend schwer wettbewerbsfähig ist.
Wenn Österreich im europäischen Vergleich bei den Lohnstückkosten besonders belastet ist, dann reicht es nicht, immer wieder auf Nächtigungsrekorde zu verweisen. Entscheidend ist nicht nur, wie viele Gäste kommen, sondern ob aus diesen Gästen ausreichend Wertschöpfung, Eigenkapitalbildung und Investitionskraft entstehen.
Der Tourismus braucht daher weniger Jubel über Mengenrekorde und mehr Ehrlichkeit über Ertragskraft, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.
Ganzjahrestourismus: richtig, aber nicht automatisch rentabel
Ein zentrales Element der Strategie ist der Ganzjahrestourismus. Das ist grundsätzlich richtig. Wertschöpfung außerhalb der Spitzenzeiten zu schaffen, Saisonspitzen zu entlasten und Beschäftigung zu verstetigen, sind sinnvolle Ziele. Mehr Ganzjahresbeschäftigung kann Betriebe stabilisieren, Regionen beleben und die Abhängigkeit von wenigen Hochsaisonmonaten reduzieren.
Doch auch hier gilt: Ganzjahrestourismus ist kein Selbstzweck.
Zusätzliche Öffnungstage, längere Beschäftigungszeiträume und mehr Infrastrukturverfügbarkeit verursachen auch zusätzliche Kosten. Wenn Nachfrage, Preisniveau und Produktivität nicht mitwachsen, kann Ganzjahrestourismus sogar zu einer Ergebnisbelastung werden. Eine strategische Diskussion müsste daher präziser fragen: Wo ist Ganzjahrestourismus betriebswirtschaftlich sinnvoll? Wo braucht es neue Nachfrageimpulse? Wo fehlen Produkte, Mobilität, Mitarbeiter oder Investitionskraft? Und wo ist die Erwartung an ganzjährige Öffnung schlicht unrealistisch?
Der richtige Fokus wäre nicht nur „mehr Nächtigungen in der Nebensaison“, sondern mehr rentable Wertschöpfung außerhalb der Spitzenzeiten.
Eigenkapital und Investitionen: Die entscheidende Zukunftsfrage
Positiv ist, dass die Strategie die finanzielle Stabilität der Betriebe anspricht. Die Eigenkapitalquote der Qualitätshotellerie soll verbessert werden. Auch die Rolle der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank soll weiterentwickelt werden. Zudem sollen neue Möglichkeiten geschaffen werden, privates Kapital für touristische Investitionen zu mobilisieren.
Das ist zentral. Denn viele österreichische Familienbetriebe stehen vor einem Generationenwechsel, vor großen Investitionsentscheidungen und vor steigenden Anforderungen an Qualität, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Mitarbeiterwohnen. Ohne ausreichendes Eigenkapital wird die Transformation nicht gelingen.
Die Frage ist aber, ob die genannten Instrumente ausreichen. Förderungen und Finanzierungen sind wichtig, ersetzen aber keine strukturelle Stärkung der Eigenkapitalbasis. Wenn Betriebe investieren sollen, brauchen sie Planungssicherheit, steuerliche Anreize, Entbürokratisierung, bessere Abschreibungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen, die unternehmerisches Risiko wieder attraktiver machen. Im aktuellen Regierungsprogramm ist die Aufwertungsbilanz zur Stärkung des Eigenkapitals bereits als sehr gute Möglichkeit beschrieben. Das gehört nun in Angriff genommen.
Wer Qualität fordert, muss Investitionsfähigkeit ermöglichen.
Digitalisierung und KI: Chance statt Schlagwort
Auch Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden in der Strategie betont. Die Österreich Werbung soll eine eigene KI-Strategie für die Branche entwickeln, damit Österreich im digitalen Wettbewerb vorne mit dabei ist. Das ist richtig und notwendig.
KI wird verändern, wie Gäste suchen, buchen, reisen und bewerten. Sie wird Vertrieb, Preisgestaltung, Gästekommunikation, Marketing, Mitarbeiterplanung und interne Prozesse beeinflussen. Gerade klein- und mittelständische Betriebe brauchen hier Unterstützung, Standards und praxistaugliche Werkzeuge.
Aber auch hier darf es nicht bei Schlagworten bleiben. Die entscheidende Frage lautet: Wie kommt KI tatsächlich in den Betrieb? Wie werden Daten nutzbar gemacht? Wie können Familienbetriebe ohne große IT-Abteilungen davon profitieren? Wie lässt sich Produktivität steigern, ohne die persönliche Gastlichkeit zu verlieren?
Eine KI-Strategie ist nur dann relevant, wenn sie nicht als Marketingprogramm verstanden wird, sondern als Produktivitäts- und Wettbewerbsprogramm für die Betriebe.
Nachhaltigkeit braucht wirtschaftliche Tragfähigkeit
Die Strategie formuliert auch klare Nachhaltigkeitsziele: mehr zertifizierte Betriebe, weniger CO₂-Emissionen, höhere Tourismusakzeptanz und zufriedenere Gäste. Diese Ziele sind wichtig. Österreich kann langfristig nur erfolgreich sein, wenn Tourismus ökologisch, sozial und wirtschaftlich tragfähig bleibt.
Doch Nachhaltigkeit muss betriebswirtschaftlich eingebettet werden. Zertifizierungen, Energieeffizienz, regionale Kreisläufe und klimafreundliche Mobilität kosten Geld, Managementkapazität und Investitionsmittel. Gerade kleinere Betriebe können diese Transformation nicht allein stemmen.
Nachhaltigkeit darf daher nicht zu einem zusätzlichen Bürokratiethema werden. Sie muss mit Finanzierung, Beratung, Vereinfachung und klaren wirtschaftlichen Vorteilen verbunden sein.
Was in der Vision T Strategie zu kurz kommt
Die großen Spannungsfelder sind bekannt: Kostendruck, Preisdurchsetzung, Bürokratie, Demografie, Mitarbeiterverfügbarkeit, Betriebsübergaben, Kapitalausstattung und Produktivität. Genau hier müsste die Strategie noch mutiger werden.
Es reicht nicht, den Tourismus kräftiger, nachhaltiger und innovativer machen zu wollen. Die zentrale Frage ist: Wie wird der Tourismus wieder wettbewerbsfähiger?
Dazu braucht es eine offenere Diskussion über Lohnnebenkosten, Arbeitszeitmodelle, steuerliche Rahmenbedingungen, Betriebsnachfolge, Finanzierung, Bürokratielasten und die tatsächliche Ertragslage der Betriebe. Der internationale Wettbewerb wird intensiver. Andere Destinationen schlafen nicht. Viele Länder investieren massiv in Infrastruktur, Digitalisierung, Entlastung und Standortmarketing.
Österreich hat starke Marken, großartige Betriebe, hervorragende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und eine weltweit anerkannte touristische Qualität. Aber dieser Vorsprung ist nicht garantiert.
Der Prozess war gut – das Papier ist ok
Die „Vision T“ ist als Beteiligungsprozess gelungen. Sie hat Akteure eingebunden, Meinungen gesammelt und ein gemeinsames Zukunftsbild formuliert. Das ist wertvoll.
Als wirtschaftspolitisches Strategiepapier muss sie jedoch noch stärker zugespitzt werden. Der Tourismus braucht nicht nur neue Zielwerte für 2035, sondern konkrete Antworten auf die Fragen von heute: Wie sichern wir Erträge? Wie stärken wir Eigenkapital? Wie senken wir Bürokratie? Wie verbessern wir Produktivität? Wie halten wir Familienbetriebe investitionsfähig? Und wie bleibt Österreich im internationalen Wettbewerb preislich, qualitativ und personell konkurrenzfähig?
Nächtigungsrekorde sind erfreulich. Aber die Zukunft des österreichischen Tourismus entscheidet sich nicht an der Zahl der Gäste allein. Sie entscheidet sich an der Fähigkeit der Betriebe, aus Nachfrage nachhaltige Wertschöpfung, stabile Arbeitsplätze, Eigenkapital und Investitionen zu schaffen.
Daran muss sich jede Tourismusstrategie messen lassen.
Hallo Thomas,
ich habe ein Whitepaper dazu verfasst. Und finde viele Punkte sehr wertvoll. Aufgrund meiner Erfahrung in Transformationen – Lead via Brand /Win with AI – sehe ich die Gefahr, dass man im Waterfall Modus, zuerst plant, aligned steuert. Dass geht heute anders. Die Bereitschaft ist da, nicht aber die Wege – zumindest nicht wahrgenommen.
Wir sind Europas Souveräne Intelligence Plattform für KI und setzen dort an, wo Wirkung und Lernen schnell möglich sind. Aber eben auch „Shared Intelligence“ – damit Mehrebenensteuerung. Anonyom – 100% Europäisch – mit ROI in Wochen nicht Jahren und gleichzeitig Aufbauen von kumulierender Intelligence.
Meine Empfehlung: Parallele Prototyopen und teilen-lernen und in der Folge diie Gemeinsamkeiten suchen, auf die man dann Top down geht.
Also, ein convergierender und divergierender Prozess.
Klingt verdammt abstrakt. Einfach gesagt: „Ausschwärmen und immer wieder zusammenkommen“
Thomas, danke für die differenzierte Einordnung.
Du hast recht: Vieles in der Vision T ist nicht zwangsläufig neu (wie übrigens bei vielen Studien, Strategien etc., die ambitioniert erstellt, aber zu oft schubladisiert werden 😉 ).
Aber das muss es auch nicht sein. Die eigentliche Herausforderung jeder Strategie war noch nie das Papier — sondern die Umsetzung. Und daran werden sich alle Akteure messen lassen müssen: Politik, Organisationen, Destinationen, Betriebe.
Was mich persönlich an der Vision T positiv stimmt, ist der Paradigmenwechsel, der darin angelegt ist — weg von der reinen Mengenlogik, hin zu Wertschöpfung, Gästezufriedenheit und Tourismusakzeptanz als Erfolgskriterien. Das ist kein Schönwetter-Bekenntnis, sondern ein Richtungswechsel, der konsequent weitergedacht werden muss.
Und die Stimmung in der Branche ist gerade durchaus positiv — das ist kein schlechter Ausgangspunkt. Rückenwind am Anfang eines langen Prozesses ist wertvoll. Den sollte man nicht vorschnell zereden.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Strategie perfekt ist. Sie ist, wie konsequent sie in den nächsten Jahren gelebt wird — in den Regionen, in den Betrieben, in den Budgets.
Als zur Vision-T eingeladener Experte war meine erste Frage die nach der geplanten „Diskussions-Flughöhe“. Im Rahmen eines österreichweit „gültigen“ Papiers mußte diese selbstredend relativ hoch angelegt werden.
Trotzdem finde ich, daß im Gegensatz zu früheren Publikationen, dieses Dokument erstens auf Basis einer sehr breiten Diskussion und zweitens doch mit einem deutlich erweiterten Blick auf das Ganze erstellt wurde. Damit zeigt die Vision-T eine der Zeit angepasste Entwicklung, auch wenn der eigentlich notwendige Mut zur „Radikal-Kur“ (noch) nicht wirklich erkennbar ist.
Ob etwas gut, oder nur gut gemeint war, zeigt sich ohenhin immer nur im Nachhinein bzw. ob wir alle bzw. konkret du und ich auch gewillt sind, einen positiven Umsetzungs-Beitrag dazu zu leisten….
Dein Kommentar hat uns zu einer weiteren Betrachtung geführt, demnächst im TP Blog mehr dazu.
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