Der größte Wurf wäre kein KV-Abschluss, sondern eine Reform
Die laufenden Kollektivvertragsverhandlungen im Hotel- und Gastgewerbe zeigen einmal mehr, wie festgefahren das System mittlerweile ist. Nach einer ergebnislosen ersten Runde werden die Gespräche am 7. April fortgesetzt – doch eine rasche Einigung ist nicht in Sicht. Zu weit liegen die Positionen auseinander, zu komplex sind die Rahmenbedingungen.
Dabei stehen nicht nur klassische Lohnforderungen im Raum. Diskutiert werden auch strukturelle Themen wie garantierte freie Sonntage oder bezahlte Mittagspausen. So nachvollziehbar einzelne Anliegen aus Arbeitnehmerperspektive erscheinen mögen, werfen sie in der Praxis erhebliche Fragen auf: Wie soll ein Betrieb funktionieren, wenn gerade zu nachfragestarken Zeiten – etwa an Wochenenden oder zu Mittagszeiten – nicht ausreichend Mitarbeiter verfügbar ist? Die Gefahr liegt auf der Hand: Einschränkungen im Service würden letztlich auch die Gäste treffen und damit die wirtschaftliche „Grundlage“ der Branche.
Parallel dazu stehen Lohnerhöhungen von rund sechs Prozent im Raum. Genau hier wird sich in den kommenden Wochen entscheiden, ob ein tragfähiger Kompromiss möglich ist. Denn die Ausgangslage ist angespannt: Die Lohnkosten sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, während die Produktivität im Tourismus tendenziell rückläufig ist. Gleichzeitig liegen die Arbeitskosten in vergleichbaren Tourismusländern teils um bis zu 20 Prozent niedriger. Diese Schere wird zunehmend zum Wettbewerbsnachteil.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Mit klassischen Lohnabschlüssen allein lässt sich diese Entwicklung nicht aufhalten. Was es braucht, ist ein grundsätzlicherer Ansatz und somit eine Reform der Lohnnebenkosten.
Österreich weist im internationalen Vergleich eine besonders hohe Abgabenbelastung auf Arbeit auf. Ein einfaches Beispiel verdeutlicht die Dimension: Gibt ein Arbeitgeber 100 Euro für einen Mitarbeiter aus, kommen bei diesem im Schnitt lediglich rund 53 Euro netto an. Die Differenz von 47 Euro entfällt auf lohnabhängige Abgaben, mit denen ein erheblicher Teil staatlicher Aufgaben finanziert wird. Insgesamt sind die Sozialausgaben mittlerweile auf etwa ein Drittel der Wirtschaftsleistung angewachsen.
Es stellt sich die zentrale Frage der Systematik: Ist es sinnvoll, einen so großen Teil staatlicher Leistungen direkt über den Faktor Arbeit zu finanzieren? Ein Blick nach Deutschland zeigt alternative Modelle. Dort werden bestimmte Leistungen (etwa Familienförderungen oder kommunale Abgaben) nicht im gleichen Ausmaß über lohnabhängige Abgaben finanziert. Das Ergebnis: rund sechs Prozent geringere Lohnkosten und damit mehr Netto vom Brutto für die Beschäftigten.
Genau hier liegt ein möglicher Hebel, der in den aktuellen Verhandlungen kaum adressiert wird. Anstatt ausschließlich über prozentuale Lohnsteigerungen zu verhandeln, wäre es zielführender, strukturelle Änderungen einzufordern. Eine Senkung der Lohnnebenkosten würde sowohl Unternehmen als auch Arbeitnehmern zugutekommen. Und könnte die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts nachhaltig stärken.
Die Regierung hat weder das Interesse noch die Kraft für Strukturreformen. Sie bringt nicht nur die Industrie und das dahinterliegende Gewerbe um, sondern auch den Dienstleistungssektor, der aus den Märkten gepreist wird.

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