Weniger Betten, mehr Wertschöpfung – wie alpine Destinationen ihre Attraktivität sichern können

Wie können alpine Tourismusdestinationen trotz sinkender Bettenzahlen ihre wirtschaftliche Attraktivität steigern?

Diese Frage stand im Mittelpunkt der Veranstaltung „Klartext“, bei der unter dem Titel „Kitzbühel – Vom Glanz zur Bilanz“ die strukturellen Veränderungen im alpinen Tourismus und deren Auswirkungen auf die regionale Wertschöpfung am Beispiel Kitzbühels beleuchtet wurden.

Sinkende Bettenzahlen verändern den Tourismus

Die Entwicklung in Kitzbühel zeigt einen deutlichen Strukturwandel: Zwischen den Wintersaisonen 2014/15 und 2024/25 sank die Zahl der touristischen Betten von 8.993 auf 8.250. Gleichzeitig gingen die Nächtigungen von rund 1,14 Millionen auf knapp eine Million zurück.

Besonders auffällig ist die Verschiebung zwischen den Beherbergungsformen: Während die Bettenkapazitäten in der klassischen Hotellerie teilweise zurückgingen, verzeichneten gewerblich vermietete Ferienwohnungen ein Bettenwachstum von rund 178 %.

Umsatz pro Bett statt reiner Nächtigungszahlen

Ein entscheidender Erfolgsfaktor wird künftig die Wertschöpfung pro verfügbarem Bett sein. Kitzbühel zeigt bereits, dass hohe touristische Umsätze pro Bett in einem strukturellen Wandel möglich sind.

Die Herausforderung besteht darin, durch eine konsequente Qualitätsstrategie, attraktive Angebote, höhere Durchschnittspreise und eine stärkere ganzjährige Nachfrage die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der bestehenden Kapazitäten zu verbessern. Positiv ist in diesem Zusammenhang auch die jüngste Entwicklung der Nächtigungszahlen, die in der vergangenen Sommersaison wieder gestiegen sind.

Freizeitwohnsitze als Teil der regionalen Wertschöpfung

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war das Zusammenspiel zwischen klassischem Tourismus, kurzfristig vermieteten Ferienwohnungen im Bereich der Sharing Economy und Freizeitwohnsitzen.

Freizeitwohnsitze werden in der föderal geprägten raumordnungspolitischen Diskussion häufig vor allem als Herausforderung betrachtet. Ihre wirtschaftlichen Effekte sollten jedoch differenzierter und insbesondere aus einer gesamtwirtschaftlichen Perspektive beurteilt werden.

Freizeitwohnsitze generieren im Bezirk Kitzbühel jährliche Ausgaben von rund 217 Mio. Euro und eine regionale Wertschöpfung von rund 158 Mio. Euro. Dem stehen im betrachteten Tourismusgebiet Kitzbühel touristische Ausgaben von rund 303 Mio. Euro und eine Wertschöpfung von rund 196 Mio. Euro gegenüber.

Auch wenn diese Zahlen unterschiedliche räumliche Betrachtungsebenen abbilden und daher nicht unmittelbar vergleichbar sind, verdeutlichen sie die erhebliche wirtschaftliche Bedeutung beider Nachfragegruppen.

Zu allen Zahlen und Entwicklungen: Download Klartext-Präsentation

Hohe Freizeitwohnsitzquote, niedrige Tourismusintensität

Besonders interessant ist das Verhältnis zwischen Freizeitwohnsitzquote und Tourismusintensität. Kitzbühel weist eine vergleichsweise hohe Freizeitwohnsitzquote auf, während die Zahl der touristischen Nächtigungen je Einwohner deutlich unter jener stark nächtigungsorientierter Destinationen wie Ischgl, Sölden oder Serfaus liegt.

Eine niedrige Tourismusintensität bedeutet somit nicht zwangsläufig eine geringe wirtschaftliche Bedeutung des Tourismusstandorts. Vielmehr unterscheiden sich die Nachfrageformen und die daraus resultierenden Wertschöpfungseffekte erheblich.

Dabei dürfen allerdings auch die unterschiedlichen Auswirkungen auf Beschäftigung, Gemeindefinanzen, Wohnraum und Infrastruktur nicht außer Acht gelassen werden.

Neue Strategien statt veralteter Raumordnungskonzepte

Eine zentrale Herausforderung liegt in den bestehenden raumordnungsrechtlichen Rahmenbedingungen. Traditionelle Raumordnungskonzepte bilden die zunehmende Verzahnung zwischen touristischer Kurzzeitvermietung, professionell bewirtschafteten Apartments und Freizeitwohnsitzen vielfach nur unzureichend ab.

Die wirtschaftlichen Wechselwirkungen dieser unterschiedlichen Nutzungsformen sollten daher in der Raumordnungspolitik stärker berücksichtigt und aus einer gesamtwirtschaftlichen Perspektive bewertet werden.

Die entscheidende Frage für alpine Destinationen lautet künftig nicht nur, wie viele Betten und Nächtigungen sie aufweisen, sondern welche nachhaltige regionale Wertschöpfung mit den vorhandenen Wirtschaftsbereiche erzielt werden kann.

16. Oktober 2026 • 18:51 Uhr • Dipl. MTF Dieter Maier

Danke für Dein objektiives Kommentar ist sehr Aufschlusreich und Informativ

16. Oktober 2026 • 20:09 Uhr • Dr. Georg Dornauer

Die Veranstaltung hat klar gezeigt, dass der Tourismus nicht für die Versäumnisse einer unzureichenden Raumordnungsgesetzgebung verantwortlich gemacht werden kann.

16. Oktober 2026 • 21:04 Uhr • Rene Gatt, MBA

Vielen Dank für die wahren Worte.
Die Raumordnungsrichtlinien sind, genau wie Teile der Gewerbeordnung, nicht mehr zeitgemäß. Die touristische Kurzzeitvermietung wird oftmals als Schuldige für Wohnungsknappheit und Teuerung im Immobiliensektor präsentiert. Dabei wird die Wertschöpfung für die Region und der touristische Nutzen vollkommen ignoriert. Vor allem im Bereich der Privatvermietung bzw. kleinstrukturierter Vermietung.

Josef May
17. Oktober 2026 • 09:54 Uhr • Josef May

Vielen Dank für die gute Einschätzung!
Vl noch ein ergänzender Gedanke dazu: Seit Freizeitwohnsitze und Wohnungen immer schwerer verkauft werden, landen sie zunehmend in der Kurzzeitvermietung, etwa über Airbnb. Aus diesem Grund verzeichnen gewerbliche Ferienwohnungen ein enormes Bettenwachstum von rund 178 %!

17. Oktober 2026 • 17:01 Uhr • Dr. Harald Ghom

Lieber Thomas,
vielen Dank für deinen spannenden Beitrag und die gute Zusammenfassung unseres Diskussionsabends in Kitzbühel! Mir hat die Moderation große Freude bereitet, insbesondere weil es gelungen ist, über die touristischen Kennzahlen hinaus auch die dahinterliegenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge zu beleuchten. Ein Gedanke beschäftigt mich seither besonders: Warum denken wir bei der Zukunft erfolgreicher Tourismusregionen eigentlich fast ausschließlich an die Weiterentwicklung des Tourismus?
Kitzbühel hat über Jahrzehnte eine außergewöhnliche internationale Markenpositionierung aufgebaut. Dahinter stehen unternehmerischer Pioniergeist, starke Familienunternehmen, internationale Netzwerke und besondere Kompetenzen in Sport, Gesundheit und Gastlichkeit. Könnten diese Stärken nicht auch Ausgangspunkt für ganz neue wirtschaftliche Entwicklungsfelder sein?

17. Oktober 2026 • 17:04 Uhr • Dr. Harald Gohm

….. Ich denke beispielsweise an Gesundheit und Longevity, medizinische Forschung, Sporttechnologien oder die Entwicklung innovativer Produkte und Dienstleistungen. Daraus könnten neue Unternehmen, Forschungskooperationen und hochwertige, ganzjährige Arbeitsplätze entstehen, deren Wertschöpfung weit über die klassische Tourismuswirtschaft hinausreicht.
Gerade darin sehe ich auch eine Chance, die wirtschaftliche Entwicklung wieder stärker mit den Interessen und Perspektiven der lokalen Bevölkerung zu verbinden und damit die gesellschaftliche Akzeptanz zu stärken.
Vielleicht liegt die eigentliche Zukunftsfrage für Kitzbühel und viele andere alpine Destinationen also noch eine Ebene über der Optimierung touristischer Wertschöpfung: Wie können wir die außergewöhnlichen Kompetenzen, die der Tourismus hervorgebracht hat, nutzen, um neue wirtschaftliche Zukunftsfelder für die Region zu erschließen?
Das wäre für mich eine spannende Fortsetzung unseres Gesprächs!

Herzlich!
Harald Gohm

Prof. Elfriede Krempl
19. Oktober 2026 • 16:25 Uhr • Prof. Elfriede Krempl

Kitzbühel scheint auf dem richtigen Weg, falls die erfolgte Reduzierung der Betten und das Ansprechen neuer Zielgruppen höhere Wertschöpfung als Ziel hat. Kitzbühel als Ort „der echten Begegnung und Zeit für sich“ kann in allen Beherbungsformen gelebt werden. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen für alle Beherbergungsformen gleich gestaltet werden. Augenmerk muss jedenfalls auf die klassische Hotellerie gelegt werden, da diese durch ihr Full Service Angebot Arbeitsplätze schafft und somit die touristische Infrastruktur in der Destination mitträgt.

Thomas Reisenzahn
21. Oktober 2026 • 08:31 Uhr • Thomas Reisenzahn

https://www.gast.at/allgemein/kitzbuehel-verliert-hotelbetten-ferienwohnungen-boomen/

21. Oktober 2026 • 13:25 Uhr • Josef Margreiter

Titel und Tenor dieser Diskussionsveranstaltung in Kitzbühel machen richtig Freude. Kompliment an alle aktiv Mitwirkenden. Gern will ich hier die Botschaft von Dr. Harald Gohm unterstreichen. Freilich bleibt die Raumordnung ein schwerer Schlüssel zur Gestaltung, jedoch erlauben ihre Regeln meines Wissens schon heute viel mehr als kommunal oder gar regional weitblickend umgesetzt wird. Spätestens seit den Forschungsarbeiten von Dr. Tschiderer/MCI ist weiters auch die entscheidende Bedeutung von guten, informellen Führungsnetzwerken in der Entwicklung von Destinationen und (er)Lebensräumen klar geworden. Dort wo sich also die besten „Häuptlinge“ mit gemeinsamen Zukunftsbildern, Strategien und ausreichend Vertrauen über längere Zeiträume zusammenfinden, dort gelingen die erfolgreichsten Entwicklungen. Unser so wichtige und bekanntlich vielfältigst mit allen Lebens-, Kultur- und Wirtschaftsbereichen verzahnter „Tourismus“als Wohlstandsmotor und unbestrittene Leitbranche vieler Regionen kann also gar nicht mehr bloß auf die Wettbewerbsfähigkeit seiner Kernbranchen, auf Marktchancen und auf die Bedürfnisse des Gastes fokussieren. Tourismus- und Freizeitwirtschaft hat viele unterschätzte Fähigkeiten, Pflichten und den rasant steigenden Eigenbedarf regionale Standortstrategien mit dem Blick auf’s Ganze federführend mitzugestalten und für zukünftig attraktive Freizeit-, Arbeits- und Lebensräume zu sorgen.

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