Deep Season: Warum die Nebensaison aufhört, ein Problem zu sein

Beim Österreichischen Tourismustag (ÖTT) 2026 in Wien hat Ged Brown, Founder & CEO von Low Season Traveller, eine Frage gestellt, die im Saal hängen geblieben ist. Nicht weil sie neu war. Sondern weil sie so präzise formuliert wurde, dass man sie nicht mehr wegdenken kann.

Die Frage lautete sinngemäß: Wenn ihr mehr Nachfrage habt als ihr bewältigen könnt – was sind eure Optionen?

Preise erhöhen? Peak ist bereits zwei- bis sechsmal teurer als die Schultersaison. Neue Hotels bauen? Die stehen sechs Monate im Jahr leer. Oder: die stille Saison zu dem machen, was sie eigentlich ist – ein eigenständiges Erlebnis mit eigenem Wert.

Brown nennt das Deep Season. Ich finde den Begriff treffend. Nicht weil er neu ist, sondern weil er das grundlegende Missverständnis benennt, das alpine Destinationen seit Jahren mit der Schultersaison haben.

Das Missverständnis heißt: Lückenfüller

Viele Destinationen kommunizieren die Nebensaison als abgeschwächte Hochsaison. Weniger Programm, günstigere Preise, gleiche Bilder. Das zieht die falschen Erwartungen an – und die falschen Gäste. Wer im August kommt, weil er Trubel will, und im Oktober enttäuscht ist, dass es ruhiger ist, war nie ein Deep-Season-Gast. Er war ein Hochsaisongast mit Rabatt.

Die Reisenden, die off-peak kommen wollen, suchen etwas anderes. Brown hat beim ÖTT eine Liste von Reisemotiven gezeigt, die ausschließlich in der Nebensaison ihr volles Potenzial entfalten: Solo Travellers, Cultural Heritage, Wellness & Spa, Dark Skies, Nature & Wildlife, Culinary & Wine – um nur einige zu nennen. Diese Gäste buchen nicht trotz der Stille, sondern wegen ihr.

Was fehlt, ist selten das Produkt

In den meisten alpinen Destinationen gibt es im Mai und Oktober mindestens so viel zu erleben wie im August. Was fehlt, ist das klare Bild davon, was diese Gäste in dieser Zeit wirklich erleben – und wie sie darüber reden. Wer das weiß, hat ein Positionierungsthema. Keine Rabattlogik, sondern echte Differenzierung.

Dazu kommt eine strukturelle Entwicklung, die Brown mit Klimadaten untermauert hat: Unter jedem Erwärmungsszenario gewinnen alpine Regionen in Europa an touristischer Anziehungskraft – außerhalb der Hochsommer-Spitze. Die Nachfrage verschiebt sich. Frühling und Herbst werden attraktiver. Nicht als Trost. Als Marktchance.

Die Schultersaison ist nicht das, was übrig bleibt

Ich bin seit über 30 Jahren im alpinen Tourismus tätig. Das Muster, das Brown beschreibt, kenne ich aus eigener Erfahrung. Der Sommer wird promotet, der Winter sowieso – und die Schultersaison ist das, was übrig bleibt. Browns Analyse dreht das um. Die Schultersaison ist nicht das, was übrig bleibt. Sie ist das, was noch nicht wirklich entwickelt wurde. Die Frage ist, wann alpine Destinationen anfangen, sie so zu behandeln.

22. Juni 2026 • 10:52 Uhr • KomRat Anton Wrann

Absolut richtig, lieber Gernot. Aber zum Gesamterlebnis gehören neben Hotellerie und Gastronomie auch weitere „Player“ die motiviert werden sollen.

Thomas Reisenzahn
22. Juni 2026 • 12:27 Uhr • Thomas Reisenzahn

Das ist wirklich ein sehr guter Ansatz, dem Off-Season-Zeitraum mit neuen Produkten und Werten zu begegnen. Ich schätze die Zwischensaison in meiner Heimatstadt in Tirol sehr. In einer neuen sinnbasierten Gesellschaft gibt es viele Motive, die hier in den Vordergrund gerückt werden können.

Was mir jedoch größere Sorgen bereitet, sind die Kernmonate, insbesondere der März, in dem wir in den letzten Jahren annähernd 30 % der Nächtigungen in Tirol und Salzburg verloren haben. Zudem sind Jänner und Februar so stark konzentriert, dass eine entsprechende Dienstleistungsqualität kaum mehr durchgängig angeboten werden kann. siehe Blogbeitrag:
https://tp-blog.at/ganzjahrestourismus-angebotsausbau/maerz-schwaeche-stellt-den-ganzjahrestourismus-auf-den-pruefstand

Der schönste Monat im Winter, den die Einheimischen sehr schätzen, sollte stärker in den Mittelpunkt gestellt werden, da er auch betriebswirtschaftlich für die Unternehmen von hoher Bedeutung ist.

Gernot Riedel
22. Juni 2026 • 12:46 Uhr • Gernot Riedel

@Tono Wrann: das ist immer wieder das Henne – Ei Prinzip: was muss zuerst da sein, damit es funktioniert? Zunehmende Gäste Nachfrage, anhand derer dann immer mehr Betriebe aufsperren – oder geöffnete Betriebe die dann versuchen Gäste zu animieren?
Oder reisen Menschen in der Deep Season, gerade weil manches NICHT verfügbar und es daher ruhiger-authentischer- normaler, -live like a local – zugeht?
Vielleicht gibt es immer mehr Menschen, die ein gewisses Quantum an „Nichts“ und damit verbundener Ruhe sogar schätzen?
Jedenfalls spannende Thematik…

Elfriede Krempl
2. Juli 2026 • 11:53 Uhr • Elfriede Krempl

es gibt in den Zwischenmonaten Entwicklungen an die ich selbst nie geglaubt hätte. Mehr und mehr Gäste besuchen gerne das Salzkammergut auch im Winter bzw. in der „deep season“. Die Buchungsplattformen machten es möglich, die Gäste kommen.

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