Warum Hoteliers die Beratung meiden
Vorsorge statt Notaufnahme – so lautet die Empfehlung der Medizin. Doch viele Hotels haben „gelernt“, die Beratung zu meiden, bis es zu spät ist. Oder der Insolvenzverwalter darauf besteht.
Warum? Weil zu oft die Erfahrung gezeigt hat: Berater schreiben seitenlange „Rezepte“ und verordnen teure „Arzneien“ auf Privatkosten. Danach heißt es „der Nächste bitte!“. Die gründliche Voruntersuchung, das Patientengespräch auf Augenhöhe und die Therapiebegleitung erwartet man vergebens.
Der gesunde Instinkt
Während in Konzernen ein gewisses Maß an externer Beratung vorausgesetzt wird, ist der Mittelstand eher skeptisch. Nicht immer zu Unrecht, denn viele glänzende Verpackungen enthalten professionell designte Placebos. Viele kennen das Muster: präsentiert wird vom Senior Partner, umgesetzt vom Junior Associate – und vielleicht bald sowieso nurmehr von einem Bot? McKinsey machte öffentlich, dass große Teile der „bisherigen“ Tätigkeiten nicht mehr als einen KI-Agenten erfordern, und baute laut Wall Street Journal bereits mehr als 10% der Stellen ab. Fortune zitierte kurz darauf einen Bericht des MIT, wonach 95% der in Konzernen eingesetzten KI-Agenten unzuverlässig seien. Vertrauen baut man so nicht auf.
Ein Fall aus der Praxis
Die neuen Eigentümer eines chronisch defizitären Hotels beschäftigten hintereinander gleich vier Beratungen:
- Beratung A lieferte 50 Seiten Marktanalyse, hübsch visualisiert, ohne operative Relevanz.
- Beratung B präsentierte 40 Seiten „Immobilienprospekt“, im Wesentlichen die Träume der Eigentümer in Hochglanz gegossen.
- Beratung C verkaufte 30 Seiten Standardkonzept, haltbare Daten, lieferte aber keinen konkreten Fahrplan.
- Beratung D benannte 30 harte Sofortmaßnahmen, 10 mittelfristige Strategiemaßnahmen und realistische Ergebnisszenarien fanden den direkten Weg in die Schublade. Dort ruhen 20 Textseiten als „Notfallspaket“.
Alle wurden bezahlt. Niemand mit Umsetzung beauftragt. Nerven und Budget sind überstrapaziert – das Hotel ist immer noch Sanierungsfall.
WKÖ – Der „ärztliche“ Rat
Die Wirtschaftskammer betont in der Aussendung des neuen Fachverbandsobmanns die Bedeutung der externen Expertise. Konkret lautet der dringende Rat an die Mitglieder: „Strategie vor Implementierung“, ein duales Herangehen an die Herausforderungen speziell der Digitalisierung. Georg Imlauer bezeichnet Strategie- und Umsetzungsberatung gleichermaßen als unabdingbar.
Auf die Medizin übertragen lässt sich das so verstehen: Eine Diagnose alleine heilt nicht – und Selbstmedikation ohne Plan macht es meist nur schlimmer. Es ist der Aufruf an die heimische Hotellerie, angesichts der rasanten Entwicklungen die Hilfe zu holen, die sie fit für den Wettbewerb macht. Auch wenn es einmal kurz piekst.
Was heute nicht mehr reicht
Im Hospitality Yearbook 2025 schreibt Simone Puorto über die Grundvoraussetzungen, die eine Vertrauensbasis zwischen Klienten und Berater ermöglichen. Seine roten Tücher sind:
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Abnicken: Beratung, die dem Kunden einfach bestätigt, dass eh alles passt.
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Hochglanz: Präsentationen, die besser aussehen als sie wirken.
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Kickbacks: Tools verkaufen, weil die Provision stimmt.
Wenn Hoteliers das erleben, ist ihre Ablehnung externer Experten verständlich. Gerade in der Hotellerie zeigt sich, dass Hyper-Spezialisierung ausgedient hat: Der beste Datenanalyst wird im Betrieb scheitern, wenn er nicht mit dem IT-Manager über PMS-Einstellungen oder mit dem Night Auditor über seine Workarounds sprechen kann.
Fazit
Das Implementierungs-Defizit-Syndrom ist eine stille Krankheit der Branche. Sie lässt manche Hotels in bunten Konzepten baden, während man im Alltag weiter improvisiert. Andere halten an Prozessen fest, die früher schon nicht optimal waren und hoffen es werde schon irgendwie gehen. Einige glauben krampfhaft daran, dass ein neues Tool mit netter Oberfläche sie ohne viel Aufwand in die Zukunft katapultiert. Doch Implementierung funktionierender Lösungen benötigt gewissenhafte Vorarbeit, gründliche Planung und professionelle Umsetzung.
Links zu den Quellen:
Presseaussendung der WKO vom 09.08.2025
Consulting-Dō im Hospitality Yearbook von hospitalitynet vom 18.06.2025
Studie der Fachhochschule Westschweiz Wallis vom 09.07.2025
Wall Street Journal über AI in der Unternehmensberatung vom 02.08.2025
Fortune über den MIT report vom 18.08.2025
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