Deutsche Reiseprognosen: „’s läuft!“ – Aber der Teufel liegt im Detail. 

Es gibt immer mehr Urlaubsreisende – sie machen aber seit zwei Jahren immer weniger Urlaubsreisen. Die Experten gehen von einer zunehmenden Konzentration auf eine Haupturlaubsreise aus, die immer höher budgetiert wird, obwohl sie nicht länger dauert. Fast lehrreicher als die überwiegend nur schleichenden Veränderungen im Reiseverhalten sind dabei unterschiedliche Herangehensweisen und Interpretationen seitens der langjährigen Analysten von reiseanalyse.de (RA 2026) und Stiftung für Zukunftsfragen (Tourismusanalyse TA 2026). 

Früher auf, nun vor der ITB präsentieren Deutschlands Tourismusforscher ihre Analysen. Basis sind Befragungen der deutschen Bevölkerung in unterschiedlicher Intensität. Die TA 2026 fusst auf einer Online-Befragung von 3.000 Personen in Deutschland, die bereits 56. RA 2026 basiert auf 12.000 Interviews, die gleichermaßen persönlich wie online durchgeführt werden. Seit 2010 sind in der RA nicht nur deutsche Staatsbürger, sondern alle deutsch sprechenden Menschen, die in Deutschland leben, repräsentativ vertreten.  Sie wirkt in der Analyse kontinuierlicher und fundierter als die meist mit sprunghaften Ergebnissen aufwartende TA. 

Mehr Urlauber, weniger Urlaubsreisen

Fix sind einige Kernergebnisse: Noch nie waren so viele Deutsche auf Urlaubsreisen wie 2025. „Wir dachten vor Corona, dass mit eine Reiseintensität, also der Anteil derjenigen, die im Jahr wenigstens eine Urlaubsreise gemacht haben, mit 75 % die Spitze erreicht hat. Nun liegen wir das zweite Jahr schon über 80 %“, sagt der wissenschaftliche Leiter der RA Ulf Sonntag. Den Topwert, der nur im Fußball-WM-Jahr 2006 übertroffen wurde, bestätigt auch die TA. Allerdings liegt hier die Reiseintensität bei nur 64 %. Wo diese eklatante Differenz herkommt, sei trotz Check den Forschern unklar. Was in den ersten RA-Ergebnissen eindeutig ist: Die zusätzlichen Urlaubsreisen von mindestens fünf Tagen Dauer weisen rückläufige Tendenz auf. Mit 67,7 Mio. Reisen wird nicht nur der Wert von 2019 (70,8 Mio. Reisen) bei weitem nicht erreicht, auch die 68,3 Mio. von 2024 lagen höher. Über einen längeren Betrachtungszeitraum wird der Rückgang teilweise durch Kurzreisen von zwei bis vier Tagen wettgemacht, wobei von 2024 auf 2025 auch dieser Sektor bei RA als leicht rückläufig gewertet wurde. Stets bergauf geht es mit den Ausgaben. Sie lagen 2025 mit knapp 92 Mrd. Euro um 1,6 Mrd. über dem Vorjahr.

Keine Differenzen gibt es zwischen RA und TA was die Zukunft betrifft. Beide erwarteten – vor Ausbruch des jüngsten Iran-Kriegs – ein sehr gutes Reisejahr 2026. Länderspezifische Prognosen werden seitens der RA jedoch nicht publiziert, während TA diese Prognosen nicht scheut. Dabei wird immer wieder eine auffällige Differenz zwischen geplanten Reisen und tatsächlichen Reisen erkennbar. Etwa bei der Türkei, im Vorjahr leicht rückläufig von 5,8 auf 5,4 %, planen nun angeblich nur 4 % diese Reise. Auch bei Österreich – laut TA 2025 leicht rückläufig auf 2,6 % werden nun 2 % und bei Kroatien (stets über 2 %), wird nun 1 % prognostiziert. Bei diesen Ländern ist die Erwartung geringer als das tatsächliche Reiseverhalten. Noch auffälliger sind bei den bereits getätigten Reisen aber die Unterschiede zur Reiseanalyse. Dort wird der Marktanteil für Spanien stabil bei 15 % verortet, während die TA ebenfalls stabil bei 9 % landet. Die RA kam bei der Türkei auf 7,8 % nach 8,5 % 2024. Zu Österreich sagte Ulf Sonntag: „Es ist bemerkenswert, dass Österreich bei den Haupturlaubsreisen Deutscher in einem schwierigen Umfeld sogar Zuwächse an Marktanteilen erzielen konnte. Hut ab!“. Manches ist erklärbar, etwa wenn in der RA auch Nicht-Staatsbürger befragt werden. Oder wenn die Fernreisen, die bei TA mit bis zu 20 % Marktanteil (TA) bewertet werden, die Reiseanalyse auf nur 9 % als Rekordwert kommt: Das dürfte darauf zurück zu führen sein, dass die TA auch Reisen an die afrikanische Mittelmeerküste als Fernreisen einstuft. 

Wie man Tagespreise (besser nicht) berechnet

Eher zu Kopfschütteln verleitet aber die Berechnung der Tageskosten für die wichtigsten Reiseziele durch TA.  „Auch bei den Tageskosten wurde mit 130 € pro Person und Tag ein neuer Höchstwert erreicht. Je nach Reiseziel variierten die Kosten jedoch erheblich. So war es in Griechenland (147 €) und Spanien (143 €) am teuersten – sogar teurer als auf Fernreisen. In beiden Ländern zogen die Preise im Jahresvergleich dabei deutlich an, was zum Teil mit gestiegenen Flugkosten erklärt werden kann. Deutlich günstiger war es dagegen in der Türkei und Kroatien, die zudem beide auch im Jahresvergleich günstiger wurden“, behauptete Ulrich Reinhardt für die Stiftung für Zukunftsfragen. Dies, obwohl gerade die Türkei im Laufe des Sommers sprunghaft teurer wurde. Die „Berechnung“: Die von den Menschen in der Befragung angegebenen Reisebudgets werden durch die Anzahl der Urlaubstage dividiert. Wenn vor Ort aufgrund einer Kostenexplosion Nebenleistungen reduziert werden, man in der Türkei etwa wenige Ausflüge macht und sich auf All-Inclusive-Leistungen beschränkt, wird es dort „billiger“. Was aber noch mehr als bei der Türkei als bei Kroatien auffällt: Viele der in Deutschland lebenden Menschen mit türkischem oder kroatischem familiären Hintergrund reisen für viele Wochen in die (ehemalige) Heimat und wohnen im familiären Umfeld. Bei der Türkei ist das auch an einer überdurchschnittlichen Aufenthaltsdauer erkennbar. Die Tagespreise sind hier sinnlos. 

Weitere überraschende Inhalte gibts demnächst an dieser Stelle.

Thomas Reisenzahn
6. März 2026 • 08:27 Uhr • Thomas Reisenzahn

Jetzt fehlen noch die vielen deutschen Bürger, die sich in Zweit-und Freizeitwohnsitzen – insbesondere im alpinen Raum – temporär dort aufhalten und die Statistik ebenfalls beeinflussen.

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