Die neue Basis für alpine Destinationsentwicklung

Vor mehr als zehn Jahren hat Ihr Autor mit Vom Online-Ticketing zum CRM bei Skigebieten einen ersten Beitrag auf dem TP-Blog veröffentlicht. Und tatsächlich war seit damals die Digitalisierung der Produkt- und Preispolitik ein Gamechanger. Nicht nur unsere Skigebiete in Niederösterreich profitieren heute von einem hohen Anteil an vorab online gekauften Tickets. In meinem 100. Beitrag geht es abermals um eine anstehende Veränderung, denn angesichts der rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz treffen Gäste ihre Entscheidungen zu und in Destinationen grundlegend anders.

Was können Skigebiete heute tun, um Chancen zu wahren und nicht von Entwicklungen überrollt zu werden? Zunächst einmal: zusammenhalten. Denn keiner der im Folgenden skizzierten drei Faktoren lässt sich vollkommen auf sich allein gestellt bearbeiten. Wenn das Geschäftsmodell geändert wird, dann braucht es einen Schulterschluss: zumindest mit der unmittelbaren Nachbarschaft, idealerweise aber branchenweit.

1 Neue Formen des ganzjährigen Bergtourismus

Der Sommerbetrieb der Bergbahnen ist heute professionalisiert. Das 25-jährige Jubiläum des Gütesiegels Beste Österreichische Sommer-Bergbahnen mit 82 zertifizierten Betrieben legt davon Zeugnis ab. Im nächsten Entwicklungsschritt vom Skigebiet zum ganzjährigen Bergerlebniszentrum stimmt sogar während der Wintersaison das Angebot für Nicht-Skifahrer, zudem ist auf dem Berg je nach Witterung ein Hybridbetrieb (z. B. Schnee- und Bikesport) möglich.

Widerstandsfähiger gegenüber möglichen (Extrem-)Wetterereignissen macht nicht nur die Verbreiterung des Angebots, sondern auch dessen Flexibilisierung. Dies reicht von einer Infrastruktur, die mit oder auch ohne Schnee funktioniert, über kurzfristig disponible Betriebs- und Öffnungszeiten bis hin zu Schlechtwetteralternativen auch im Freien.

2 Vom Dynamic Pricing zur Dynamic Experience

Bereits bei der Einführung von nachfrageorientierten Preismodellen sind Überlegungen zu einer mengenmäßigen Beschränkung der Besucherzahlen bzw. der Leistungen in bestimmten Zeiten sinnvoll. Eine Kontingentierung wird bei der Diversifikation und Flexibilisierung des Angebots noch wichtiger. Der Schlüssel schlechthin, um Besucherströme zu lenken, ist bereits die An- und Abreise der Gäste.  Egal ob zur Talstation oder allenfalls zu einer Zubringerbahn. Wir sollten nicht nur den Preis dynamisieren, sondern auch das, was den Gästen – je nach deren Präferenzen, Standort sowie der erwarteten Auslastung – konkret vorgeschlagen bzw. angeboten wird.

Auf dem Berg spielen Wetter und Schneelage die entscheidende Rolle: Sehr interessant und vorbildlich ist, wie die Region Seefeld ihr Wetterservice neu aufgestellt hat. Entscheidend ist, wie gut unterschiedliche Daten zusammengespielt und einer maßgeschneiderten Kommunikation mit dem (potenziellen) Gast zugrunde gelegt werden. Über Gästedaten zu verfügen, ist in diesem Zusammenhang viel wert, weil das bisherige Verhalten am ehesten Aufschluss darüber gibt, was auch in Zukunft gut ankommt. Am Erlebnisberg Golm ist es im vergangenen Winter beim neuen Restaurant Grüneck geglückt, Skigästen Self-Ordering über das bereits bestehende Kundenkonto bei der Bergbahn bzw. deren Vorteils-App zu bieten.

3 Datensouveränität für die Ära der agentischen KI

Damit aus dem regionalen Datenschatz immer bessere Dynamic Experiences entstehen, braucht es ein Umdenken bei der Datenhaltung. Wir bewegen uns rasant auf die Ära der agentischen KI zu – einer Generation von Systemen, bei der KI-Agenten im Auftrag des Gastes autonom Reisen planen, Tickets buchen und Routen kombinieren. Damit diese digitalen Assistenten eine Destination überhaupt finden und ihren Nutzern vorschlagen können, müssen Informationen offen, maschinenlesbar und semantisch korrekt strukturiert sein: als sauber gepflegter Knowledge-Graph.

Hier schließt sich der Kreis zu dem auch von Outdooractive-Gründer Hartmut Wimmer vorgeschlagenen Schulterschluss (siehe dazu das Webinar Unabhängig von Google Maps): Datensouveränität bedeutet nicht, die eigenen Daten eifersüchtig zu horten, sondern sie gemeinsam kontrolliert nutzbar zu machen. Die technologische Brücke dafür bildet das Model Context Protocol (MCP) – ein von Anthropic initiierter und inzwischen von OpenAI adaptierter offener Standard.

Während nationale Initiativen wie der Tourism Data Space und die länderübergreifenden Standardisierungen der Open Data Tourism Alliance (ODTA) auf Basis von Schema.org das touristische Wissen in einem Knowledge-Graph logisch strukturieren, fungiert MCP als universelle Schnittstelle für die Künstliche Intelligenz. Über dieses standardisierte Protokoll können KI-Agenten in Echtzeit und in natürlicher Sprache auf einen Knowledge-Graph zugreifen. Sie lesen dabei nicht nur die destinationseigenen, qualitätsgesicherten Geodaten aus, sondern verknüpfen diese sofort mit den Echtzeit-Verfügbarkeiten von Bergbahnen, Ticketing-Tarifen, Wetterdaten oder gastronomischen Angeboten. Um globalen Tech-Giganten nicht ausgeliefert zu sein und KI-Halluzinationen vorzubeugen, müssen wir die digitale Infrastruktur der alpinen Destinationen rasch ausbauen. Das ist weniger eine Frage der Software als der Kultur und der Kompetenzen in den Destinationen.

Fazit

Die drei im Beitrag beschriebenen Faktoren bilden die neue Basis für alpine Destinationsentwicklung. Deren strategische Bedeutung und wechselseitige Abhängigkeit konnte hoffentlich gut herausgearbeitet werden — ebenso wie der Zusammenhang mit den bisherigen Bemühungen zu einer erfolgreichen Transformation im Bergtourismus, dem Metathema Ihres Autors am TP-Blog. Dazu darf auf eine im Zuge des Interreg Alpine Space-Projektes TranStat – Transitions to Sustainable Ski Tourism in the Alps of Tomorrow entstandene Publikation hingewiesen werden: The TranStat Cookbook: Recipes for Sustainable Mountain Resorts.

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8. Juni 2026 • 08:09 Uhr • Alex Pesjak

100%
Daher bauen wir Europas Souveräne Intelligence Plattfom für KI.

DMOs sind perfekte Orchestratoren über die Destination hinweg.
Es braucht aber eine Plattform, die Daten soverän macht und aufbereitet, Produktivität bringt, für alle Teams Spaß beim Verwenden macht und vor allem die von dir angesprochene Intelligenz über die Destination mit sich bringt.

Und alles 100% Europa!

Schön, dass Experten wie du die Aufmerksamkeit und Sensibilisierung vorantreibt. Ich glaube an die Resilienz und die Zukunft des Tourismus. Je mehr digital, desto Berg!Aber eben nur, wenn die Experience für (1) Gäste (2) Einheimische (3) Mitarbeiter (4) Organisationen damit einher geht.
pruvage.ai

8. Juni 2026 • 17:29 Uhr • Andreas Haller

Sehr interessant! Im Interreg-Alpine-Space-Projekt TranStat wurde ein nachhaltiges Modell für Skitourismus in den Alpen entwickelt: Mit einer partizipativen Transition-Methodik und Roadmap wurde versucht, Skigebieten aus verschiedenen Alpenländern beim Übergang zu nachhaltigeren Entwicklungen zu unterstützen. Über das Projekt berichteten der ORF und Euronews [1] berichtet und von EUSALP als Success Story ausgezeichnet [2]. Das Projekt war transdisziplinär: Regionalentwickler, Skigebietsbetreiber und Wissenschaftler entwickelten TranStat gemeinsam von Anfang an.

[1] https://de.euronews.com/2024/03/12/rekordtemperaturen-in-skigebieten-wie-reagieren-liftbetreiber-auf-den-klimawandel

[2] https://alpine-region.eu/action-groups-publications/ag2-success-story

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