Das Ende der Saisonen – wie ganzjähriger Bergtourismus neu gedacht werden kann
Das touristische Sommerhalbjahr endete mit dem 31. Oktober, am 1. November begann das Winterhalbjahr. Sich freiwillig auf zwei „Saisonen“ zu reduzieren, statt den Reichtum von vier Jahreszeiten zu zelebrieren, wäre ein Kardinalfehler. Die Österreich Werbung hat mit T-MONA Nebensaisonen 2025 eine hervorragende empirische Grundlage vorgelegt, Schweiz Tourismus augenzwinkernd Videos zum vermeintlich versteckten Herbst („What is Heidi hiding?“) auf YouTube lanciert. Im Mittelpunkt der neuen Vision T steht als Ergebnis eines breiten Beteiligungsprozesses ein Tourismus, der „wertvoll für alle“ sein soll — und zwar „365 Tage im Jahr“.
Immergleiche, von Anspannung oder Entspannung geprägte Phasen geben unserem Leben rhythmische Struktur; das gilt für Tag und Nacht genauso wie für die vier Jahreszeiten im gewohnten Verlauf. Allerdings macht uns der Klimawandel auch in Österreich einen Strich durch diese Rechnung: Man denke nur an brütende Hitze und Trockenheit im Sommer oder städtischen Dauernebel im Winter. Ob der Sehnsucht, vor diesen Zuständen zu entfliehen, haben Urlaub und Freizeit in den Bergen definitiv das ganze Jahr über einiges anzubieten.
Threesixtyfiveing Mountain Tourism
Auf der Grundlage unserer praktischen Erfahrungen in Niederösterreich habe ich beim heurigen AlpenKlimaGipfel auf der Zugspitze im Wissenschafts- und Praxistalk „Zukunftsraum Alpen zwischen Sicherheitsrisiken, Gesundheitstrends & neuen Saisonlogiken“ für einen sehr flexiblen, diversifizierten Bergtourismus plädiert: Mit dem Anspruch, möglichst an 365 Tagen im Jahr Bergerlebnis zu bieten. Und zwar bis hin zum winterlichen „Hybridbetrieb“ — also weitere Aktivitäten parallel zum Schneesport wie Motorikpark oder Downhill-Mountainbike in der Wexl Arena St. Corona am Wechsel.
Geschäftsführerin Karin Seiler von der Tirol Werbung hat dagegengehalten, dass an hochgelegenen Orten „von Gurgl bis Galtür“ gerade einmal „zwei, drei Monate Sommer“ sei. Wenn nicht ein Hotelresort mit seiner gesamten Infrastruktur dahinterstehe, rechne sich an solchen Standorten der ganzjährige Betrieb bzw. ein Sommerbetrieb nicht. Der visionäre Aufbau eines Bikeparks wie in Leogang sei bekanntlich aufwändig, langwierig und sicher kein Selbstläufer.
Natürlich muss regional differenziert werden, sogar innerhalb einer Destination. Wie Karin Seiler auch treffend feststellt, bieten „im März, April und Mai“ das „vordere und das hintere Zillertal“ den Gästen bereits sehr Unterschiedliches, was in der Gästeansprache zu berücksichtigen sei.
Vom Skiort zur Ganzjahresdestination
Wir haben in Österreich dank Skitourismus vielerorts eine hervorragende Seilbahn- und Freizeitinfrastruktur, aber bekanntlich auch bestens ausgestattete Beherbergungsbetriebe. Wie kann dort parallel zum Schneesport, sogar in den Zeiten mit wenig oder keinem Schnee der Tourismus florieren? Wie kann die relative Kühle, der bisherige Wasserreichtum genutzt werden? Vielleicht sind in Zukunft gerade auch höhergelegene Orte zu Zeiten attraktiv, in denen das bisher nicht für möglich gehalten wurde.
Die weitere Entwicklung von Skiorten ist im österreichischen Tourismus jedenfalls die Schicksalsfrage schlechthin. Die anlässlich des 25-jährigen Bestandsjubiläums der „Beste Österreichische Sommer-Bergbahnen“, einer Initiative des Fachverbands Seilbahnen in der Wirtschaftskammer Österreich, aufgestellten zehn Zukunftsthesen taugen als Diskussionsgrundlage. Die Entwicklung von Ganzjahresdestinationen ist eine vielschichtige Frage: Aber die strategische Transformation alpiner Seilbahn- und Tourismusinfrastruktur, um klimaresilienter zu werden, kann mit viel Pioniergeist gelingen.
Wenn Österreich Werbung-Geschäftsführerin Astrid Steharnig-Staudinger anregt, angesichts von „März bis November“-Saisonen den Namen „Beste Österreichische Sommer-Bergbahnen“ zu überdenken, dann hat sie sicher recht. Es geht längst nicht mehr um Sommer oder Winter, auch nicht um Bergbahnen per se. Sondern um ganzjährig und vielfältig bespielte Erlebnisberge.
Gretchenfrage Winter Chillout
In den letzten Jahren war österreichweit ein Muster zu erkennen: Einer starken Nachfrage zu Beginn der Wintersaison schon im Dezember folgt der Einbruch im März und April – und zwar auch in hochalpinen Lagen. Skigebiete nutzen bereits im November günstige Bedingungen für die technische Beschneiung, ein Zuwarten ist nicht möglich, das Pistenangebot steht möglichst vor Weihnachten. Nach Daten von MANOVA waren es vor der Coronapandemie rund 15 Millionen Ersteintritte im März und April, zuletzt eher 12 Millionen; im Dezember hingegen 10 Millionen statt 8 Millionen.
Rufe nach einer anderen, authentischeren Kommunikation für den früher gerne mit „Sonnenskilauf“ beworbenen Frühling werden laut. Selbstkritisch müssen wir feststellen, häufig über das gesamte Winterhalbjahr idealisierte Bilder von tief verschneiten Landschaften zu vermitteln, die mit der Realität über weite Strecken nicht übereinstimmen. Österreichs Wanderdörfer setzen gleich auf „Wintersonne“, das macht unabhängiger vom Schnee. Der Skisport ist da weit mehr gefordert, denn vor und mit jeder werblichen Maßnahme muss sich – wie bei „Winter Chillout“ von SalzburgerLand Tourismus – das Produkt selbst weiterentwickeln.
Angesichts der sich gerade im Frühling sowohl am Herkunfts- als auch Urlaubsort verändernden Verhältnisse wird es Zeit für Experimente: Das beginnt bei den täglichen Betriebszeiten, reicht über eine taugliche Besucherlenkung innerhalb von Großraumskigebieten bis hin zu zusätzlichen sportlichen oder kulinarischen Angeboten, die den Nachmittag aufwerten. Das Credo muss lauten, möglichst bestehende Infrastruktur mehrfach zu nutzen, allenfalls zu adaptieren. Kornel Grundner hat bei den Leoganger Bergbahnen zu Ostern 2025 improvisiert, in der oberen Sektion Skibetrieb geboten und von der Mittelstation talwärts bereits einige Mountainbike-Lines geöffnet. Im kollegialen Online-Austausch „Parallel auf Schwung“ beschreiben er und andere Vorreiter erste Erfahrungen.
Schweiz Tourismus: Video „Die Schweiz weist alle Vorwürfe zurück | Wir verstecken den Herbst nicht“

Kommentieren