Wertvoll für alle? Die „Vision T“ aus Sicht eines nachhaltigen Tourismus

Mit der „Vision T“ hat das Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus im Juni 2026 die neue österreichische Tourismusstrategie vorgelegt. Sie ordnet sich um einen „Wertekompass“ aus Wertschöpfung, Wertschätzung und Werterhalt, benennt fünf Handlungsfelder und – das ist bemerkenswert – hinterlegt diese mit neun Kernindikatoren samt Ausgangswerten und Zielwerten für 2035. Aus Nachhaltigkeitssicht ist das Papier in seiner regional-ökonomischen und in seiner arbeitsmarktpolitischen Dimension überraschend substanziell. Beim ökologisch-klimatischen Kern bleibt es jedoch deutlich hinter der eigenen Rhetorik zurück.

Was die Strategie gut macht

Drei Dinge verdienen ausdrückliche Anerkennung.

  1. Das Indikatorensystem: Wer Ausgangswert, Zielwert und Methodik offenlegt – etwa Wertschöpfung von 22,6 auf über 25 Mrd. Euro, Ganzjahresbeschäftigte von 134.600 auf über 160.000 -, macht sich überprüfbar. Das ist in Strategiepapieren selten und ehrlich.
  2. Die Zielkonflikte werden offen „Spannungsfelder“ genannt: Ökologie gegen Ökonomie, Individual- gegen öffentlichen Verkehr, Erwerbs- gegen Lebensphasenorientierung. Hier wird Nachhaltigkeit nicht durch Weglassen schöngeredet. Das Papier räumt sogar ein, dass junge Beschäftigte mit unangemessenem Verhalten von Gästen und Vorgesetzten konfrontiert sind – eine bemerkenswert unbeschönigte Selbstaussage.
  3. Die regionale Verankerung. Die touristische Wertschöpfungskette wird konsequent von der Landwirtschaft über Gewerbe und Handel bis zur Mobilität gedacht, regionale Lieferketten und die kleinteilige Betriebsstruktur werden als Stärke behandelt. Genau hier liegt die ökologisch und sozial belastbarste Substanz der Strategie.

Wo die ökologische Substanz dünn bleibt

Der entscheidende blinde Fleck ist der Verkehr. Der CO2-Indikator erfasst ausschließlich Beherbergung und Gastronomie. An- und Abreise sowie die Vor-Ort-Mobilität – der mit Abstand größte Anteil am touristischen Fußabdruck – bleiben außerhalb der Kennzahl. Man dekarbonisiert die Bettwäsche und lässt Flüge und Pkw aus der Bilanz. Das Umweltzeichen soll von 814 auf 1.500 Betriebe wachsen – eine Verdoppelung, die jedoch im niedrigen einstelligen Prozentbereich der einschlägigen Betriebe verbleibt. Für den erklärten Anspruch, „eine der nachhaltigsten Tourismusdestinationen der Welt“ zu werden, ist das ein vorsichtiges Ziel. Biodiversität, Wasser, Boden und Flächenverbrauch werden genannt, aber nicht mit Indikatoren unterlegt. Bezeichnend ist auch der Umgang mit Zertifizierung: Die einzige wertende Erwähnung von Nachhaltigkeitszertifizierungen im Fließtext führt sie über die Belastungswahrnehmung ein („bürokratische und finanzielle Belastung“). Ein klares Bekenntnis zu glaubwürdiger Zertifizierung als Steuerungsinstrument ist daraus aber nicht abzuleiten.Insgesamt ist Nachhaltigkeit fast durchgängig als Effizienz und wirtschaftliche Chance gedacht („Wir begreifen Ressourcenmanagement als wirtschaftliche Chance“).

Die Strategie bekennt sich zu verstärkter Quellmarktansprache und Diversifizierung. Neue, oft fernere Quellmärkte bedeuten in der Regel mehr Flugverkehr. Dieser Widerspruch zum Klimaziel wird nirgends aufgelöst. Differenzierter zu betrachten ist die Saisonausweitung, auch aus Nachhaltigkeitssicht ein wichtiger Hebel: Eine bessere zeitliche Verteilung der Nachfrage ist sinnvoll, solange sie nicht in das Muster höherer Zahlen kippt. Der Nebensaison-Anteil (von 53,5 auf über 60 %) ist ein Verteilungs-, aber kein ökologischer Zielwert!

Das Handlungsfeld Arbeitsmarkt und Fachkräfte ist eine echte Stärke. Strukturell bleibt die Antwort auf den Arbeitskräftemangel jedoch vorsichtig: Sie setzt überwiegend auf Vermittlung und Mobilität von Saison- und Fachkräften aus EU und Drittstaaten, weniger auf eine grundlegende Verbesserung von Bezahlung und Bedingungen. Ein Lohn- oder Fairness-Indikator fehlt, Kollektivvertrag und Gender Pay Gap kommen nicht vor.

Bei der Wertschätzung werden die Einstellung der Bevölkerung (Tourismusakzeptanzsaldo) und die Sicht der Gäste (Gästezufriedenheit) eigens erhoben – die Mitarbeitenden erscheinen aber nur indirekt über die Zahl der Ganzjahresbeschäftigten, also über eine Mengen-, keine Zufriedenheitsgröße. Konsequent wäre, die Mitarbeitendenzufriedenheit als eigenen Indikator zu führen. Vollständig außerhalb des Blickfelds bleiben Menschenrechte im Tourismus und die Verantwortung entlang internationaler Wertschöpfungsketten.

Fazit

Vision T ist kommunikativ stark und in ihren regional-ökonomischen sowie arbeitsmarktbezogenen Teilen substanzieller als üblich. Sie ist ehrlich über ihre Zielkonflikte. Beim ökologisch-klimatischen Kern bleibt sie aber hinter ihrer eigenen Erzählung zurück, entscheidende Kennzahlen fehlen. Entscheidende Fragen sind in die angekündigten Aktionspläne verlagert.

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