Tourismus-Bachelor in Hanoi, made in Austria
Wo das IMC Krems die Ausbildung vietnamesischer Tourismusexperten verantwortet, spiegelt sich am Rande auch Vietnams wirtschaftliche Entwicklung wider.
Wenn man vom zentralen Punkt der 8-Millionen-Einwohner-Metropole Hanoi mit der Buslinie 1 zum HanU-Campus hinausfährt – die moderne Hochbahn empfiehlt merkwürdigerweise kaum jemand – füllen sich die Straßen und Verkehrsmittel mit Studierenden. Streetfood-Stände und geparkte Mopeds reihen sich noch dichter aneinander – und wirklich ruhiger wird es auch am Campus nicht. Hinter zahllosen Instituten und dem flächigen Sportplatz findet sich das Tor zum International Education Center, Standort des „Tourism and Leisure Management Programme”. Den Bezug zu Österreich sieht man anhand einiger Fotos in den Gängen, außen prangt zwar auch das IMC-Logo, doch die drei Buchstaben verraten nicht viel. Dekan Dr. Nhat Tuan Nguyễn (im weiteren Text Tuan genannt) sieht es anders: „Die Verbindung mit Österreich ist allen Studierenden hier von Anfang an bewusst. Sie wissen schon mit ihrer Aufnahme, dass sie auf diese Art einen österreichischen akademischen Grad erlangen können. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir bereits seit über einem Jahrzehnt unsere Position in diesem umkämpften Markt halten können.”
Diese Rolle sei keineswegs selbstverständlich, unter den internationalen Universitäten herrsche eine intensive Konkurrenz. „Es ist eine beachtliche Leistung, sich auf einem Spezialgebiet als kleine europäische Universität durchzusetzen”, ergänzt Tuan. Dominant sind auf diesem Sektor Universitäten aus dem anglikanischen Sprachraum, speziell die US-Universitäten, aber auch aus Großbritannien und Australien. Wobei das nicht auf die Sprache zurückgeführt werden kann, denn der Unterricht erfolgt hier, wie in so gut wie allen internationalen Bildungsanstalten Vietnams, in englischer Sprache. Deutsch wird nur ein Stockwerk höher gesprochen, wo sich seit 2025 die von Niederösterreich getragene Pfleger*innen-Ausbildung des „IMC Nursing Center” befindet. „Wir organisieren zwar den einen oder anderen Abend gemeinsam, wo es auch um Österreich geht, aber die einen sollen ihr Deutsch trainieren, unsere Leute Englisch. Da gibt es wenig Gemeinsamkeiten”, weiß der Dekan.
Ziel: Internationalste Hochschule Europas
Auch Mattia Rainoldi, PhD, hebt als Direktor der transnationalen Programme des IMC die Ausnahmeposition von Krems im Konzert der Großen hervor. „Wir exportieren Tourismus und Bildung an insgesamt 5 Standorten: Neben Vietnam sind das Aserbaidschan, Ägypten, Usbekistan und China. IMC hat das Ziel die internationalste Hochschule Europas, zumindest aber Österreichs, zu sein.” In Österreich sei man auf jeden Fall einzigartig. „Es ist die Idee, die Qualität der Bildung in Österreich, speziell was den Tourismus betrifft, in den Kursen zu transportieren”, sagt Rainoldi, der Anfang November abermals 25 Studierenden in Hanoi ihre Diplome überreichen konnte.
Doch wer kann sich in Staaten wie Vietnam diese Ausbildung leisten? Rasch zu Geld gekommene Superreiche schicken ihren Nachwuchs in der Regel zum Studium in die USA oder nach Europa. „Meine Eltern haben angesichts der Gebühren lange überlegt. Aber ich war zäh,“ lächelte beim ersten Besuch 2017 Linh My Hoang Vu. Ihre Eltern sind Spitalsärzte, in Vietnam ein sicherer, aber mittelmäßig bezahlter Beruf. Die 20-Jährige lohnte das Investment ihrer Eltern als Jahrgangsbeste. Dabei gehörte meine damalige Interviewpartnerin einem besonderen Jahrgang an, wie auch Tuan von den regelmäßigen Alumni-Treffen weiß: Fast alle Absolventen des ersten Jahrgangs haben Managementfunktionen erreicht oder führen eigene Betriebe in unterschiedlichen touristischen Branchen. „Wir haben drei jährliche Awards, die auch die drei Bereiche abdecken, in welche unsere Absolventen strömen: Public, Private, Startup. Also man findet unsere Absolventen ebenso in staatlichen oder regionalen Touristboards von Vietnam wie in der Hotellerie. Sei es in internationalen Ketten, zum Teil auch außerhalb Vietnams, oder in privaten Hotels, die teilweise von deren Eltern begründet wurden. Sie kamen zum Studium, weil deren Eltern eine professionelle Führung für ihren Betrieb gesucht haben. Bei den Start-ups ist das nicht unbedingt auf Technologie beschränkt. Da geht etwa um den Spa-Bereich oder bestimmte Reisebüro-Lösungen”, summiert der Dekan die unterschiedlichen Karrierewege, die sich gar nicht so sehr von den Absolventen in Krems unterscheiden. Wobei er ein Spezifikum nennt: „Viele der Absolventen gehen ins Ausland, machen dort ihr Masterstudium. So kommen sie zu Aufenthaltstiteln in diesen Staaten – und bleiben, wie auch mein Bruder, dort. Viele arbeiten dann dort fürs Vietnam-Incoming.” Nach Österreich hat es aber noch keinen verschlagen.
In Hanoi um 6000 Euro zum europäischen Bachelor
Während man sich direkt in Krems zur Finanzierung eher bedeckt hält, ist man direkt in Hanoi offener. Im internationalen Vergleich sei das Studium eher günstig. Der österreichische Abschluss sei mit einem Aufwand von 6000 Euro zu erreichen. In einem Land, in dem weiterhin ein Essen um unter einen Euro zu bekommen ist, trotzdem ein ansehnlicher Betrag. „Einige vietnamesische Unis liegen bereits bei 2000 bis 3000 im Jahr, von internationalen Studien gar nicht zu reden. Bildung ist überall ein Investment, nicht nur hier”, wendet Tuan ein. Längst habe sich in Vietnam ein breiter Mittelstand entwickelt, der gerne die höhere Bildung seiner Töchter und Söhne finanziert.
Das beste Feedback sei, dass Jahr für Jahr eine neue Klasse von rund 25 Studierenden zusammenkomme. Alle Studierenden sind über 18 Jahr alt. Die Frage der Sprache ist, anders als beim ersten Rechercheaufenthalt vor acht Jahren, inzwischen untergeordnet. Die Technologie habe viel verändert, trotzdem sei das Studium für Vietnamesen sehr herausfordernd, weil der Abschluss statt vier in Hanoi nur drei Jahre dauert. „Die Studierenden kommen mit einer entsprechenden Karriereorientierung”, weiß Tuan. Was macht nun das „Tourism and Leisure Management Programme” für Vietnamesen so attraktiv? Das vietnamesische System sei komplett unterschiedlich zum IMC, sagt Tuan: „Mit Elementen wie Videos und Essays unterscheiden wir uns deutlich von der hier sonst gängigen Konzentration auf den Testcharakter, also der reinen Wiedergabe von erlernten Inhalten.”
Mit dem Kulturtransport und der engen Verbindung zwischen den Studierenden und dem IMC sei man bei den transnationalen Programmen absolut die Ausnahme. Auch wenn die Möglichkeit, das dritte Semester komplett in der Wachau absolvieren zu können, aus Kostengründen nur vereinzelt wahrgenommen wird, kommt immerhin die Hälfte der Teilnehmer in der Regel für etwa drei Wochen nach Krems. Erasmus plus unterstützt diese Aufenthalte, die sonst bei derartigen Studien kaum üblich sind. Für ein Diplom einer US-Universität müsse man nie in den USA gewesen sein.
Stolz ist Rainoldi auch auf den Austausch in die Gegenrichtung. Rund ein Drittel der Lehrtätigkeit wird vom „Flying Staff” übernommen. Also Vortragende des IMC, die für ihre Lehrtätigkeit für mehrere Wochen aus Europa einfliegen. „Wichtig ist uns natürlich das Touch-Feeling und dass wir zu 100 Prozent IMC vermitteln, die Qualität also absolut entspricht”, ergänzt Tuan.
Anmerkung: Dies ist ein erster Beitrag aus einer unterschiedliche Themen umfassenden Vietnam-Recherchereise des Autors im November 2025. Ein größerer Bericht ist für „TourismusWissen-quarterly“, Jänner 2026, in Vorbereitung. Ein „bebildertes Kamingespräch“ des Travel Industry Club Tourismus für den 22. Jänner 2026 in Wien geplant. Details dazu zeitnah auf www.club-tourismus.org.


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