Ernsthafte Umsetzung ausbalancierter Konzepte
In einem umfassenden Prozess verpasst die Tirol Werbung (TW) dem Schlagwort „Ganzjahrestourismus“ Struktur. Der Umsetzung dieser Strategie auf Angebotsebene will TW-Geschäftsführerin Karin Seiler noch vor ihrem Ausscheiden den entscheidenden Anstoß geben. Das ist lobenswert, denn der so genannte Ganzjahrestourismus ist bei uns ja nicht erst seit der Vision T gesuchtes Allheilmittel: Kontinuierlichere Auslastung der Hotelbetten verbessert die Wirtschaftlichkeit und ermöglicht das angestrebte quantitative Wachstum ohne zusätzliche Bauten hochzuziehen. Ausbalanciertere Saisonen verhindern – rechnerisch – Overtourism und nicht zuletzt schaffen sie ganzjährige Beschäftigung und vereinfachen so die Mitarbeitersuche. Die Zielanalyse ist unumstritten, anders die Wege, wie diese Vorstellungen umzusetzen wären. In Tirol geht man seit rund zwei Jahren das Thema systematisch an. Geschaffen wurde ein „Future Lab“, das neben den 34 DMOs des Landes auch die wichtigsten Stakeholder in den Prozess einband. Eine TW-Mitarbeiterin wurde dafür freigespielt, 21 Verbände haben sich am Prozess beteiligt. Seiler legt Wert auf die Feststellung, dass es sich nicht um das Delegieren nach oben oder reine Gesprächsrunden gehandelt habe: „Wir leiten den Prozess, aber die 21 Verbände tragen sämtliche Kosten mit.“ Das sorgte auch für die nötige Ernsthaftigkeit. Immerhin 17 der 21 haben die geforderte Stärke-Schwächen-Anlayse (SWOT) absolviert. Aus den Ergebnissen wurden inhaltlich vier Cluster gebildet, die aktuell die künftige Stoßrichtung erarbeiten.
Differenzierte Angebote innerhalb einer Region
Die Tirol-Werberin freut sich vor allem über zwei Ergebnisse: Die Tourismusverbände haben manche Kirchturmgrenzen überwunden und stellen über den Cluster ihre Erkenntnisse jeweils den anderen zur Verfügung. Auf der anderen Seite sind einige der DMOs auch in mehreren Clustern aktiv. Denn die SWOT-Analyse habe deutlich gemacht, wie unterschiedlich Saisonen selbst innerhalb mancher DMOs verlaufen. Eine negative Folge der sonst wertvollen Reduktion von 250 auf 34 TVBs.
Im Ötztal oder Zillertal gibt es eben gerade zu Frühjahrsbeginn zwei höchst unterschiedliche Produkte: Am Taleingang füllt der Wintersport keine Betten mehr. „Fix ist: März-Aktionen in Deutschland werden das Problem nicht mehr lösen“, summierte Seiler die Erfahrungen der vergangenen Jahre. „Dabei haben wir keinesfalls ein Angebotsproblem. Man kann Skifahren bei schönstem Wetter, die Gäste sind begeistert. Aber das Nachfrageverhalten hat sich im gesamten Alpenraum kontinuierlich verändert.“ Gäste aus der DACH-Region satteln früher aufs Rad um, am Gardasee beginne die Saison inzwischen zwei Monate früher. Eine Lösung wäre sich an Nationalitäten zu richten, die weniger am Winterflair, als am Skilauf hängen.
Pilotprojekte im Dezember fixieren
Doch in erster Linie sollen sich die Cluster damit beschäftigen, die jeweils passenden Reiseanlässe für diese Zwischensaisonen zu schaffen. „Augen zu und durch kann nicht die Lösung sein“, stellt Seiler klar. Bis Ende des Jahres sollen die Potenziale in den Clustern gesichtet werden, dann geht es an die Umsetzung von Pilotprojekten. Der Zeitpunkt, an dem die TW den Cluster verlässt. Im Rahmen des Forums richtete sie sich auch an die Österreich Werbung. „Wir sollten gemeinsam von der Grundidee der zwei Saisonen wegkommen. Wir agieren nun in vier Zeitabschnitten mit Kernwinter (Dezember bis Februar) und Kernsommer (Juni bis August). Auch Statistik Austria sollte mitmachen, um künftig die Zahlen richtig zu interpretieren.“
Unnötige Neuausschreibung?
Wer die Tirol Werberin zuletzt am Tourismusforum im vollem Engagement erlebte, muss staunen: Warum wurde der Vertrag bis Ende April 2027 laufende Vertrag für die 54-Jährige erste Frau an der Spitze des Tiroler Tourismus nicht einfach verlängert? Aktuell laufen Kandidaten-Hearings, ein Geschäftsführungswechsel rund um den Jahreswechsel wird es wohl werden. Bei Seilers deklariertem Wunsch nochmals in der Privatwirtschaft durchzustarten schwingt spürbar mit, dass sie von politischen Aufsichtsräten als „Oberchefs“ wohl vorerst mal genug hat.
Karin Sailer hat mit ihrer Power\-Rede beim Tourismusforum bewiesen, dass sie die Thematik rund um die Ausweitung der Reiseströme ernst nimmt\.
Die Betriebe stecken dabei zunehmend in einem Dilemma: Die Saisonen konzentrieren sich auf wenige Wochen, während die Randzeiten aufgrund der aktuellen Kostensituation kaum mehr rentabel zu führen sind\. Die Folge sind eher kürzere Öffnungszeiten und zusätzliche Ruhetage\.
Auch diesen Sommer konnten in der Gastronomie wieder sehr viele Ruhetage beobachtet werden – ein Sinnbild für die aktuelle Situation und die Herausforderungen, vor denen die Branche steht\.
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