Kingsize ist keine Größe.

Irgendwo zwischen Nettofüllmenge und Gurkenkrümmung liegt der Toleranzbereich unserer Bettenstandards.

Bei Zimmerkategorien haben wir uns längst damit abgefunden, dass Namen wenig bedeuten. Niemand würde versuchen, seine Buchungsentscheidung zwischen „Deluxe Superior Double with balcony“ und „Großes Zirben-Doppelzimmer mit Balkon (Haupthaus)“ anhand der Bezeichnung zu treffen. Man scrollt durch Fotos, liest Beschreibungen, vergleicht Ausstattungsmerkmale – sofern angegeben.

Letztlich geht es aber bei einem Hotelzimmer primär ums Schlafen. Matratzen haben exakt messbare Dimensionen. Genau deshalb wäre die Bettgröße hervorragend geeignet, zwei ansonsten schwer vergleichbare Angebote voneinander zu unterscheiden.

Wäre. Denn einen international verbindlichen Standard dafür, was „Double“, „Queen“ oder „King“ tatsächlich bedeutet, gibt es nicht. Selbst die strukturierten Daten der Buchungsportale schaffen keine endgültige Klarheit. Booking.com führt in einem Datenmodell 151 bis 180 cm als „Queen size“ und 181 bis 210 cm als „King size“. In einer neueren Schnittstelle heißen dieselben Bandbreiten plötzlich „King size“ und „Super-king size“. Wer jetzt noch glaubt, „King“ sei eine Größenangabe, darf sich gerne wieder hinlegen.

180 cm mögen irgendwo unter „King“ fallen. Praktisch sind 13 cm Unterschied aber eben 13 cm Unterschied – besonders bei großen Menschen, unruhigen Schläfern oder dem beliebten nächtlichen Familienmodell „Kind quer in der Mitte“. 

Und dann gibt es noch die gute alte Besucherritze. Selbst der bemühteste Versuch, Betten verständlich zu kommunizieren, scheitert an diesem Endgegner. Realistisch lassen sich verbindliche Standards natürlich nicht von oben durchsetzen. Zu viele gewachsene Gebäude, zu viele Märkte, zu viele nationale Gewohnheiten und zu viele bereits verbaute Betten stehen dem entgegen. Doch für die Buchungsentscheidung wäre eine klare Bettangabe ein erstaunlich starkes Unterscheidungsmerkmal. Ein „Standardzimmer“ mit 30 Quadratmetern und durchgehender 193-cm-Matratze kann für ein Paar attraktiver sein als eine teurere „Suite“ mit 35 Quadratmetern und undefiniertem Doppelbett. Und diese Information gehört nicht nur irgendwo in die Tiefen der Website, sondern in den strukturierten Zimmerdatenbestand. Lesbar für Gäste, Suchmaschinen, Buchungsportale und KI-Assistenten.

Das kann ein klarer Wettbewerbsvorteil sein und Direktbuchung fördern, denn wenn meine Website Klartext spricht, oder sogar die Auswahl zwischen eindeutig definierten Betten ermöglicht, bietet dieser Kanal einen eindeutigen Vorteil für viele Bucher. Wenn ich mit Familie verreise, ist meine höchste Priorität nicht das günstigste Schnäppchen, sondern 3 ordentliche Schlafplätze für uns 3 Personen – ohne in der Nacht über den Flur gehen zu müssen, wenn unser Kind schlecht geträumt hat. Meine Frau hat als ehemalige Assistentin oft die Frage geplagt, ob die von ihr gebuchten Zimmer für ihre Gäste tatsächlich ausreichend große Betten bieten – oder der Geschäftstermin am nächsten Morgen unausgeschlafen stattfinden würde. Und niemand wird positiv überrascht, wenn er mit einem unruhig schlafenden Partner etwas teilen muss, das sich bei näherer Betrachtung als Doppelbett französischer Art erweist.

Vielleicht brauchen wir also gar keinen neuen internationalen Bettenstandard. Es würde fürs Erste reichen, wenn wir aufhörten, Marketingbegriffe als Maßangaben zu behandeln. „Standard, 1 Queen, 160 × 200 cm“, „Superior, 1 King, 193 × 200 cm“ oder „Economy, 2 Twin, 2 ×  90 × 200 cm“ wären weder besonders romantisch noch kreativ. Dafür wüssten Gast, Reisebüro und Buchungsassistent ziemlich genau, was sie kaufen. Für’s Gefühl sind die individuellen Beschreibungstexte da, und für’s Auge die aussagekräftigen Bilder – gerne mit gut gepflegten Alternativtexten.

Und falls das Bett in keine vernünftige Kategorie passt, nennen wir es meinetwegen weiterhin „Grand lit“. Aber schreiben wir bitte dazu, wie grand es tatsächlich ist.

PS: Auf einer Länge von 200 cm bedeuten 30 cm Schwankung in der Breite einen Toleranzbereich von etwa 15%. Zum Vergleich: Bei der Nennfüllmenge ℮ akzeptieren wir je nach Packungsgröße bis ca. 3%. Bei den Gurken waren es bis 20% Krümmung. In meiner Welt bedeutet übrigens Kingsize eine durchgehende Liegefläche von 193 × 200 cm, wie sie zumindest bei einigen internationalen Ketten selbst in Europa zu bekommen ist – und damit haben sie mich bereits gewonnen.

Kommentieren

Ihre Daten werden im Rahmen der Kommentarfunktion gespeichert, darüberhinaus aber für keine weiteren Zwecke verwendet. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.