Regenerativer Tourismus: Alter Wein, verwässert und in neuen Schläuchen.
‚Regenerativen Tourismus‘ feiert als neues Schlagwort unserer Branche in den letzten Jahren einen steilen Aufstieg. Ich erlaube mir das kritisch zu sehen. Was auf den ersten Blick als logische Weiterentwicklung des Konzepts eines „Nachhaltigen Tourismus“ erscheinen mag, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung zunehmend als problematische Verwässerung eines seit Jahrzehnten international anerkannten und operationalisierten Ansatzes.
Die drei Säulen der Nachhaltigkeit: Ein umfassendes Fundament
Nachhaltiger Tourismus, wie er von der Welttourismusorganisation (UN Tourism) definiert wird, basiert – wie hier wohl allgemein bekannt – auf drei gleichwertigen Säulen: der ökologischen, der soziokulturellen und der ökonomischen Dimension. Diese Triple-Bottom-Line-Perspektive, die bereits seit den 1990er Jahren in der Tourismusentwicklung verankert ist, stellt sicher, dass Tourismus „die Bedürfnisse der Besucher, der Industrie, der Umwelt und der Gastgemeinden in vollem Umfang berücksichtigt“.
Die UN Tourism-Definition ist dabei keineswegs statisch oder defizitär, wie Befürworter des regenerativen Tourismus oft suggerieren. Sie fordert explizit:
- Die optimale Nutzung von Umweltressourcen bei gleichzeitigem Erhalt (und Verbesserung) essentieller ökologischer Prozesse und der Biodiversität
- Die Wahrung der soziokulturellen Authentizität der Gastgemeinden sowie den Schutz ihres kulturellen Erbes
- Die Sicherstellung langfristiger ökonomischer Vorteile, die gerecht auf alle Stakeholder verteilt werden, einschließlich stabiler Beschäftigung, sozialer Dienstleistungen und Armutsbekämpfung
Zudem ist nachhaltiger Tourismus fest in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen verankert, insbesondere in den Nachhaltigkeitszielen (SDGs) 8.9 und 12.b, die explizit die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Förderung lokaler Kultur und Produkte betonen.
Die problematische Verengung im regenerativen Tourismus
Trotz ambitionierter Rhetorik zeigt sich in der Praxis des regenerativen Tourismus eine besorgniserregende Tendenz zur thematischen Verengung. Zwei Muster kristallisieren sich dabei besonders heraus:
- Biodiversitätsfokussierte Ansätze ohne soziale Verantwortung
Zahlreiche regenerative Tourismusprojekte konzentrieren sich primär auf ökologische Restauration und Biodiversitätserhaltung. Beispiele reichen von Aufforstungsprojekten über Korallenriffrestaurierung bis hin zu Wildlife-Schutzprogrammen. So lobenswert diese Initiativen sind – sie vernachlässigen häufig fundamentale soziale Dimensionen.
Die Arbeitsbedingungen im Tourismussektor bleiben dabei oft außen vor. Laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) sind jedoch gerade im Tourismus prekäre Beschäftigungsverhältnisse, niedrige Löhne, überlange Arbeitszeiten, mangelnder Sozialschutz und geschlechtsspezifische Diskriminierung weit verbreitet. In Österreich liegt der gesamtgesellschaftliche Gender Pay Gap aktuell bei 18,3% (Stand 2023), wobei im Tourismussektor die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen tendenziell noch stärker ausfallen, da Frauen überproportional in schlecht bezahlten Teilzeitpositionen beschäftigt sind. Weltweit arbeiten etwa 30 % der Tourismusbeschäftigten in Betrieben mit 2 – 9 Mitarbeitern, oft ohne formelle Verträge oder rechtlichen Schutz. Die Lohnzufriedenheit im Tourismussektor bleibt durchgehend niedrig, was durch saisonale Prekarität und fehlende Sozialabsicherung verstärkt wird (Eurofound 2012).
Ein regenerativer Ansatz, der zwar degradierte Landschaften wiederherstellt, aber Tourismusbeschäftigte weiterhin unter teils prekären Bedingungen arbeiten lässt, verfehlt das Kernprinzip der Nachhaltigkeit: die Gleichgewichtung aller drei Säulen.
- Regionale Wertschöpfung ohne faire Arbeitsbedingungen
Die zweite häufig beobachtete Verengung liegt in der Fokussierung auf regionale Wertschöpfung und Community-Beteiligung bei gleichzeitiger Vernachlässigung von Arbeitnehmerrechten. Zwar betonen viele regenerative Ansätze die Bedeutung lokaler Gemeinschaften und Indigenous Knowledge, doch die konkreten Arbeitsbedingungen der Menschen, die diese „regenerativen Erlebnisse“ ermöglichen, bleiben unterbelichtet.
Die schon oben zitierten ILO Richtlinien machen deutlich: Faire Löhne, sichere Arbeitsbedingungen, Karrieremöglichkeiten und das Recht auf gewerkschaftliche Organisation sind fundamentale Voraussetzungen für nachhaltige Tourismusentwicklung. Diese Dimensionen fehlen jedoch in vielen regenerativen Konzepten, die sich primär auf Biodiversität oder Wertschöpfungsketten konzentrieren.
- Die wissenschaftliche Kritik am regenerativen Tourismus
Auch die akademische Forschung hat zunehmend kritische Perspektiven auf den regenerativen Tourismus entwickelt. Bellato und Pollock (2023) konstatieren in ihrer umfassenden Analyse, dass die konzeptionelle Entwicklung des regenerativen Tourismus durch „simplifizierte und oberflächliche Verständnisse“ behindert wird, wie etwa die Phrase „einen Ort besser zu hinterlassen, als man ihn vorgefunden hat“. Solche Slogans werden von Marketingabteilungen aufgegriffen, verschleiern jedoch die Komplexität systemischer Transformation.
Besonders problematisch ist laut Bellato und Pollock die Tendenz, Tourismus und sein fiskalisches Wachstum weiterhin ins Zentrum zu stellen, statt die Gesundheit und das Wohlergehen von Orten und Gemeinschaften. Viele regenerative Ansätze hinterfragen nicht die Abhängigkeit von Volumenwachstum und positionieren Tourismus als unbegrenzt wachstumsfähig – ein Konstrukt des industriellen Paradigmas.
- Das Greenwashing-Risiko
Die Ambiguität des regenerativen Tourismus birgt erhebliche Greenwashing-Risiken. Bereits 2022 warnte Hussain vor „green washing“ und der „unangemessenen Anpassung“ eines regenerativen Modells ohne konzeptionelle Klarheit. Der Begriff „Regenwashing“ hat sich mittlerweile etabliert, um Fälle zu beschreiben, in denen Hotels und Destinationen den Begriff „regenerativ“ missbrauchen, obwohl sie nicht einmal grundlegende Nachhaltigkeitsstandards erfüllen. Dieses Problem tritt auch beim Begriff ‚nachhaltig‘ auf – hier versucht der Gesetzgeber aber, Missbrauch durch internationale Rahmenbedingungen (z.B. EU EmpCo Richtlinie, Green Claims) in den Griff zu bekommen. Für Regenerativität gibt es kein Konzept, also auch keine überprüfbaren Kriterien.
Die bewährte Alternative: Nachhaltiger Tourismus
Im Gegensatz zur konzeptionellen Unschärfe des regenerativen Tourismus bietet nachhaltiger Tourismus einen etablierten, operationalisierten Rahmen mit klaren Standards und Zertifizierungssystemen. Umweltzeichen und anerkannte Nachhaltigkeitszertifikate haben Kriterien entwickelt, die auf jahrzehntelanger Erfahrung basieren und üblicherweise vier Dimensionen umfassen: nachhaltiges Management, sozioökonomische Auswirkungen, kulturelle Auswirkungen und Umweltauswirkungen.
Diese Standards sind nicht statisch, sondern entwickeln sich kontinuierlich weiter und werden von internationalen Organisationen wie UNEP und UNWTO im Rahmen des Global Sustainable Tourism Councils (GSTC) oder der Tourism Impact Alliance (TIA) unterstützt. Über 200 Zertifizierungsstellen weltweit arbeiten nach GSTC-Standards und bieten transparente, unabhängige Verifizierung von Nachhaltigkeitsansprüchen.
Besonders wichtig: Die Kriterien der Zertifikate und Labels integrieren üblicherweise explizit faire Arbeitspraktiken, soziale Gerechtigkeit und die Einbindung lokaler Gemeinschaften. Sie fordern Geschlechtergerechtigkeit, angemessene Löhne, sichere Arbeitsbedingungen und Karriereentwicklung – Aspekte, die in vielen regenerativen Ansätzen unterbelichtet bleiben.
Ein Plädoyer für Weiterentwicklung statt Neuerfindung
Die Herausforderungen, die der regenerative Tourismus anspricht – Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Overtourism, soziale Ungleichheit – sind real und dringend. Doch die Lösung liegt nicht in der Erfindung neuer Begriffe, die alte Konzepte verwässern. Vielmehr sollten wir die bestehenden Strukturen des nachhaltigen Tourismus konsequent umsetzen und weiterentwickeln.
Die Agenda 2030 der Vereinten Nationen mit ihren 17 Nachhaltigkeitszielen bietet einen umfassenden, intersektoralen Rahmen, in den sich Tourismus integrieren kann und sollte. Tourismus kann nicht isoliert ‚regenerativ‘ sein, wenn er nicht Teil breiterer nachhaltiger Entwicklungsbemühungen ist, die Arbeitsbedingungen, soziale Inklusion und wirtschaftliche Gerechtigkeit einschließen.
Statt einem neuen Trend hinterherzulaufen, der Gefahr läuft, soziale Dimensionen zu vernachlässigen, sollten wir uns also auf die konsequente Umsetzung bewährter Nachhaltigkeitsprinzipien konzentrieren. Dies bedeutet:
- Gleichgewichtung aller drei Säulen – Umwelt, Soziales und Wirtschaft – ohne Priorisierung oder Vernachlässigung einzelner Dimensionen
- Messbare Standards und Transparenz durch etablierte Zertifizierungssysteme statt vager Versprechungen
- Einbindung in internationale Frameworks wie die SDGs, die Zusammenarbeit über Sektoren hinweg fördern
- Fokus auf menschenwürdige Arbeit als integraler Bestandteil jeder Tourismusstrategie
- Respekt für lokale Gemeinschaften UND faire Behandlung aller Beschäftigten im Tourismus
Der regenerative Tourismus mag gut gemeint sein, doch ohne systematische Berücksichtigung sozialer Faktoren – insbesondere Arbeitsbedingungen und Arbeitnehmerrechte – bleibt er eine fragmentierte, potenziell problematische Abweichung von einem ganzheitlicheren Ansatz, den wir bereits haben: den nachhaltigen Tourismus.
Das Bild vom verwässerten Wein in neuen Schläuchen gefällt mir gut! Poppt „Overtourism“ auf, dann braucht es einen schnellen Gegenentwurf. – Regenerativer Tourismus klingt doch super, ist bestimmt nachhaltig oder so, echt fair, öko sowieso und ein Zertifikatspickerl klebt bestimmt auch noch drauf.
So lange sich das Prinzip der Dauervielfraßmaschine Overtourism nicht ändert, auch nicht, wenn die Dosis etwas verringert wurde, vermag auch ein neuer Anstrich keine Weichenstellung auslösen.
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