Der Tourismus fehlt in der Wolfsdebatte
121 genetisch nachgewiesene Wölfe, acht Rudel, 26 entnommene Tiere, 1.181 gerissene Nutztiere. Der Statusbericht Wolf 2025 des Österreichzentrums Bär, Wolf, Luchs liest sich wie eine Bilanz zwischen Landwirtschaft, Jagd und Naturschutz. Tirol, Vorarlberg und die Steiermark erneuern ihre Abschussverordnungen im Jahrestakt. Ein Akteur kommt in dieser Debatte kaum vor, obwohl er seine Sommergäste auf genau diese Almen schickt: der Tourismus.
Das Schweigen ist verständlich. Wer sich zum Wolf äußert, wird einem Lager zugerechnet. Die Gäste erreicht die Debatte trotzdem, über Plakate an Wanderwegen, neue Zäune und eventuell Herdenschutzhunde auf den Weiden. Der Tourismus steht also längst mittendrin, nur ohne Rolle.
In Graubünden arbeitet seit Herbst 2024 ein Innotour-Projekt der FH Graubünden mit Arosa Tourismus, dem Schweizerischen Nationalpark und weiteren Partnern (https://beutegreifer.fhgr.ch). Es bezieht keine Position zur Wolfspolitik. In moderierten Arbeitsrunden in Arosa und im Unteren Engadin sitzen Tourismus, Landwirtschaft, Jagd, Forst und Gemeinden an einem Tisch, und die Regel war einfach: Gearbeitet wird an Lösungen, über den Wolf gestritten wird anderswo. Das wurde akzeptiert, auch von Leuten, die sich in naturschutzpolitischen Foren aus dem Weg gehen. Der Tourismus kann solche Runden ausrichten, weil er in der Wolfsfrage nicht Partei ist.
Neben Besucherlenkung ist die Entwicklung touristischer Produkte ein Ziel: Aber es geht nicht um Wolfsafaris. In unserer Befragung von Gästen haben wir bewusst nicht nach Beobachtungsangeboten gefragt, und in den offenen Antworten warnten 38 % von sich aus vor negativen Folgen für Natur und Wildtiere, jede zehnte Antwort vor Sensationslust. Am höchsten bewertet werden geführte Themenwanderungen mit Rangern, gleich danach Begegnungen mit Landwirtinnen und Älplern. 48 % wollen persönliche Geschichten von Einheimischen hören, 39 % Fakten. Zwei Drittel würden für eine geführte Exkursion mit Fachperson 50 bis 75 Franken zahlen. Umgesetzt wird das gemeinsam (https://www.graubuenden.ch/de/wolf).
Davon profitieren können genau jene, die mit dem Wolf die meiste Arbeit haben. In Arosa führt eine Exkursion auf eine Alpweide, zu Bäuerinnen und ihren Herdenschutzhunden. Wer führt, bekommt ein Honorar. Wichtiger ist der Direktverkauf: Die Bäuerinnen verkaufen Käse und andere Produkte direkt an Gäste, die gerade gesehen haben, was Herdenschutz im Alltag bedeutet. Den Schaden eines Risses gleicht das natürlich nicht aus, aber in der Debatte taucht Herdenschutz sonst nur als Kostenfaktor auf, hier bringt er Kundschaft.
Das Modell hat Grenzen. Wer die Rückkehr des Wolfes scharf ablehnt, stellt sich selten vor Gäste, auch in Graubünden hat ein Alpverantwortlicher abgesagt. Und es dauert: Im französischen Vercors, wo der Wolf seit über 25 Jahren lebt, hat es eine Generation gebraucht, bis ein gemeinsames Narrativ entstand.
Für Österreich spricht das dafür, jetzt anzufangen. Keines der fünf österreichischen Gebiete in unserer europäischen Befragung kennt bisher Gästebeschwerden über Herdenschutzhunde. Solche Runden lassen sich leichter aufsetzen, bevor es auf den Wanderwegen kracht. Mehr zu den Ergebnissen aus Graubünden im nächsten Tourismus Wissen quarterly.
Sehr fundierter Beitrag Christian – auch in dieser Kurzform! Die komplette Studie des Autoren finden alle in zwei Wochen im Tourismus Wissen – quarterly Ausgabe 46. Nähres, wie man zum wissenschaftlichen Magazin für touristisches Know-how kommt, unter http://www.club-tourismus.org
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