Tourismusakzeptanz: Das Problem ist nicht der Tourismus
Kaum ein tourismuspolitischer Begriff wird derzeit so häufig bemüht wie die „Tourismusakzeptanz“. Besucherlenkung, ausgewogene Tourismusentwicklung, Lebensraum-Management und die stärkere Einbindung der lokalen Bevölkerung sollen sicherstellen, dass Tourismus und Einheimische im Gleichgewicht bleiben.
Die politische Botschaft lautet vereinfacht: Unbalanced Tourism muss verhindert werden. Das ist grundsätzlich richtig. Denn eines steht außer Frage: Ein erfolgreicher Tourismus gegen die eigene Bevölkerung wird auf Dauer nicht funktionieren. Fraglich ist allerdings, ob wir über die richtigen Ursachen sprechen.
Und damit stellt sich die entscheidende Frage: Ist tatsächlich der Tourismus das Problem? Oder sind es die Auswirkungen einer seit Jahren aus dem Gleichgewicht geratenen Lebensraumentwicklung?
Gerade in touristischen Hochburgen wird Tourismusakzeptanz häufig über Tourismusintensität diskutiert: Einwohner im Verhältnis zu Nächtigungen, Bettenzahl, Ankünfte oder Frequenzen. Diese Kennzahlen sind wichtig. Sie erklären aber nur einen Teil der Realität. Für einen Einheimischen ist letztlich nicht entscheidend, wie viele Nächtigungen seine Gemeinde statistisch aufweist. Entscheidend ist, ob er sich dort noch Wohnraum leisten kann, ob junge Familien Wohnraum finden und ob ein Ort zwölf Monate im Jahr ein funktionierender Lebensraum bleibt. Damit kommen wir zu einem wesentlich sensibleren Thema: Freizeit- und Zweitwohnsitze.
Genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Schlechte Raumordnung wird dem Tourismus angelastet
Über viele Jahre wurden in Teilen der westlichen Bundesländer Entwicklungen zugelassen, deren Folgen heute sichtbar werden: steigende Grundstückspreise, zunehmender Druck auf den Wohnraum und Gemeinden, in denen touristisch beziehungsweise als Zweitwohnsitz genutzte Immobilien mit dem Wohnbedarf der lokalen Bevölkerung konkurrieren. In der öffentlichen Diskussion werden dann drei Themen miteinander vermischt: Tourismus, Freizeitwohnsitze und Raumordnung.
Das Ergebnis ist vorhersehbar: Der Tourismus bekommt am Ende das Fett einer Raumordnungspolitik ab, die ihre Steuerungsfunktion nicht ausreichend erfüllt hat. Ein Hotelgast, der für fünf Nächte kommt, ist jedoch etwas völlig anderes als eine Wohnung, die dem regulären Wohnungsmarkt dauerhaft entzogen wird. Diese Unterscheidung ist für eine seriöse Diskussion über Tourismusakzeptanz zentral.
Overtourism ist häufig auch ein Managementproblem
Ähnlich undifferenziert wird der Begriff „Overtourism“ verwendet. Nicht jede hohe Besucherzahl bedeutet automatisch Overtourism. Entscheidend ist vielmehr, wo, wann und wie Besucherströme organisiert werden. Ein interessantes Gedankenexperiment liefert der Vergleich zwischen Hallstatt und einem Wiener Museum, der Albertina. Die Albertina und Hallstatt verzeichnen im Jahr die gleiche Anzahl an Besuchern; im Museum sogar auf kleinstem Raum. Der entscheidende Unterschied ist nicht nur die Zahl der Menschen. In einem Museum werden Besucher über Eingänge, Öffnungszeiten, Tickets, Wegeführungen und Kapazitäten gesteuert. Im öffentlichen Raum, wie in Hallstatt, treffen dieselben Frequenzen auf Straßen, Plätze, Busse, Bewohner und alltägliche Infrastruktur.
Overtourism ist deshalb in vielen Fällen nicht nur ein Mengen- oder Flächenproblem. Es ist auch ein Besucherlenkungs- und Managementproblem, vor allem im öffentlichen Raum.
Die Frage darf daher nicht ausschließlich lauten: Wie bekommen wir weniger Gäste?
Sie sollte vielmehr lauten: Wie organisieren wir hohe Nachfrage professioneller?
Digitale Besucherlenkung, zeitliche Entzerrung, Parkraummanagement, Mobilitätskonzepte, Reservierungssysteme bei Hotspots und die Entwicklung alternativer Attraktionspunkte gehören deshalb wesentlich stärker in die touristische Diskussion.
Danke für den guten sachlichen Beitrag.
Danke für diese klare und wohltuend differenzierte Betrachtung. Es geht nicht darum, weniger Tourismus zu wollen – sondern besseren Tourismus möglich zu machen.
Dafür braucht es vier Dinge:
Haltung. Einheimische müssen aktiv in die entscheidenden Gremien geholt werden. Nicht als Feigenblatt, sondern als echte zweite Perspektive. Nur so wird aus „Der Gast zuerst“ ein gemeinsames Denken für Gäste, Bevölkerung und Mitarbeitende.
Intelligente Steuerung. Mit Echtzeitdaten, 3D-Maps und Use Case Apps wie unserem Opening Hours Manager auf PRUVAGE, der souveränen Destination-Intelligence-Plattform, können Gäste dorthin gelenkt werden, wo Angebote und Kapazitäten vorhanden sind.
Verantwortungsvolle Raumordnung. Leistbarer Wohnraum und strategische Flächenreserven sind politische Gestaltungsaufgaben.
Pausen. Ich sehe in großen Destinationen, wie wichtig Distanz vom permanenten Gästestrom ist. Selbst in familiengeführten Fünf-Sterne-Hotels funktioniert eine Fünf-Tage-Woche auf Eigentümerseite – weil Familienmitglieder sich gegenseitig den Rücken freihalten. So bleibt die Freude am Gastgebersein erhalten.
Tourismusakzeptanz sollten wir nicht nur messen, sondern gemeinsam gestalten.
Genau dafür verbinden wir bei PRUVAGE Technologie, souveräne KI und Transformation – nicht nur für einzelne Betriebe, sondern für die gesamte Destination. Die Technik schafft Möglichkeiten. Haltung und Menschen machen den Unterschied.
Schöne Analyse. Doch dass es gerade mit den Lenkungsmaßnahmen nicht so einfach geht, wie das gemeinhin erzählt wird, lässt sich in einem hoch qualifizierten Beitrag dreier Professoren im nächsten TourismusWissen-quarterly 46 – Oktober, erscheint in zwei Wochen, gut nachlesen. Nicht unkompliziert, aber lehrreich… Weil neben dem Philosophen und Soziologen Harald Friedl und Veranstaltungsrecht-Experten Wolfgang Stock auch der Hallstätter Friedrich Idam dem Autorenteam angehörte, spielt auch Hallstatt rein.
Bei diesem Punkt habe ich auch an Thomas Reisenzahn eine kleine Kritik: Hallstatt und Albertina zu vergleichen negiert eben gerade, dass eine Stadt Bewohner hat. Wer mag schon in einem Museum als Ausstellungsstück wohnen. Aber wie heißt’s so schön: Es wär kein Vergleich, würd‘ er nicht hinken. Übrigens gibt es im TWq 46 zur Wahrnehmung von Overtourismus auch eine fundierte Studie vom Bayerischen Zentrum für Tourismus zu lesen.


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